Landrat Stephan Pusch schreibt offenen Brief an die Regierung in China …

Staatsführung von China                                                                                                                      über die                                                                                                                                Chinesische Botschaft in Berlin                                                                                                      Märkisches Ufer 54                                                                                                                            10179 Berlin

Offener Brief des Landrates des Kreises Heinsberg Stephan Pusch

an die Regierung von China

Sehr geehrter Herr Staatspräsident Xi Jinping,                                                                                          sehr geehrter Herr Ministerpräsident Li Keqiang,                                                                                        meine sehr geehrten Damen und Herren,

mein Name ist Stephan Pusch. Ich bin seit 16 Jahren hauptamtlicher Landrat im Kreis Heinsberg. Der Kreis Heinsberg ist ein Kreis im Westen von Nordrhein-Westfalen im Regierungsbezirk Köln. Er ist der westlichste Kreis Deutschlands, hat eine Fläche von 627,99 km² und eine Einwohnerzahl von rund 255.000.

Wir sind einer der ersten Kreise in Deutschland, der das Auftreten einer Corona-Infektion vermelden musste. Wir kämpfen seit rund vier Wochen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln als Krisenstab des Kreises Heinsberg um das Leben der Menschen im Kreis Heinsberg. Das Robert-Koch-Institut hat uns als besonders betroffenes Gebiet in Deutschland und weltweit eingestuft. Zurzeit Stand Montag, 23. März, 7.35 Uhr, haben wir etwas mehr als 1.000 infizierte Personen. Außerdem haben wir mittlerweile 21 Tote zu beklagen.

Sie werden sich sicher fragen, wie ein im politischen System der Bundesrepublik Deutschland relativ unbedeutender Mensch wie ein Landrat dazu kommt, sich an die Staatsführung der Volksrepublik China zu wenden.

Hierzu möchte ich Folgendes ausführen:

Vor einigen Tagen zeigte mir ein Mitarbeiter ein Bild, das in den sozialen Netzwerken kursiert. Auf dem Bild ist ein Ortsschild von Heinsberg zu sehen und unter dem Namen Heinsberg hat jemand den Satz eingefügt Partnerstadt von Wuhan.

Der Urheber dieser Fotomontage wollte offensichtlich Heinsberg bzw. dem Kreis Heinsberg die Schuld am Ausbruch der Corona-Epidemie in Deutschland geben. Gleiches macht der amerikanische Präsident, wenn er öffentlich vom Wuhan-Virus spricht.

Aus meiner Sicht dient dies alleine dazu, um von seinemeigenen, offensichtlich schlechten Krisenmanagementabzulenken. Ich denke, solche Schuldzuweisungen sind das Schlechteste, was man in einer weltweiten Pandemie, die alle Völker und Nationen betrifft, machen kann. Die Menschen im Kreis Heinsberg wissen, was es heißt, gegen das Virus anzukämpfen und Menschenleben zu verlieren. Das beste Rezept zur Bekämpfung des Virus ist Mitmenschlichkeit und Solidarität.

Ich möchte daher als Landrat eines Risikogebietes den Menschen in China und insbesondere in der besonders betroffenen Provinz Wuhan meine Solidarität und mein Mitgefühl aussprechen. Chinesische Staatsbürger, die in Deutschland wohnen, haben uns vor einigen Tagen eine größere Menge Schutzmaterial wie Masken und Schutzkittel zur Verfügung gestellt. Ich fand dies in einer Zeit, in der manche Menschen meinen, sie müssten mit dem Finger auf die Menschen im Kreis Heinsberg zeigen, eine bemerkenswerte und anrührende Solidaritätsbekundung.

Aus meiner Sicht wird die Menschheit mit dem Corona-Virus nur fertig werden, wenn alle Staaten zusammenarbeiten. Die besten Wissenschaftler aller Länder müssten gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um schnellstmöglich einen Impfstoff gegen das Virus zu finden. Dazu wäre ein offener Austausch unter den Wissenschaftlern erforderlich, damit jeder an den Forschungsergebnissen der anderen teilhaben kann.

America first wird uns bei der Bewältigung dieser Krise nicht weiterhelfen.

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber gelesen, mit welchen Mitteln die Verantwortlichen in China eine Bekämpfung des Corona-Virus betreiben. Dabei wurde immer wieder betont, wie wichtig ausreichend Schutz für ärztliches Personal und Pfleger ist. Die hier vorhandenen Schutzmaterialien reichen zurzeit nur für ein paar Tage. Soweit der Krisenstab und die Krankenhäuser hier vor Ort nicht ausreichend Schutzmaterialien besorgen können was mehr als schwierig ist hätte das weitreichende schwere Folgen für das Gesundheitssystem im Kreis Heinsberg und für die Menschen hier. In meiner Funktion als Landrat bitte ich daher die Volksrepublik China um Unterstützung. Da Mediziner in China offensichtlich auch die meisten Erfahrungen im Umgang mit der Eindämmung und Bekämpfung des Corona-Virus gemacht haben, wäre mir auch an einem fachlichen Erfahrungsaustausch gelegen.

 

 

Der Kreis Heinsberg war vor der Corona-Krise ein wirtschaftlich stark aufstrebender Landkreis mit vielen erfolgreichen Unternehmen und einer sehr geringen Arbeitslosigkeit.

Ich befürchte, dass wir alle auf dieser Welt, nachdem wir das Virus medizinisch besiegt haben, noch lange brauchen werden, um unsere Wirtschaft wieder auf den Stand zu bringen, wie er vor der Corona-Krise war. Ich denke es wäre klug, jetzt auch schon an diesen Tag zu denken. Über eine Partnerschaft entscheidet der Kreistag des Kreises Heinsberg. Ich könnte mir allerdings gut vorstellen, dass in der Phase des Wiederaufbaus der Kreis Heinsberg und die Provinz Wuhan eine Partnerschaft eingehen. Das wäre der eindrücklichste Beweis dafür, dass eine Politik der Stigmatisierung und der Schuldzuweisung nur aus Dummheit geboren sein kann.

In der Hoffnung, dass Sie meine Botschaft erreicht und unsere Bitten wohlwollend geprüft werden verbleibe ich

mit freundlichen Grüßen

Stephan Pusch