von Ron Weimann
Es ist ein Ort, an dem man leicht die Zeit vergessen kann. Alte Bäume stehen entlang der Wege.
Zwischen ihnen finden sich Grabmale aus zwei Jahrhunderten, manche sorgfältig erhalten, andere
von Moos und Pflanzen überwachsen. Das Licht fällt durch das Blätterdach und verändert den Ort
beinahe von Minute zu Minute. Auf den ersten Blick könnte man meinen, hier sei die Zeit einfach
stehen geblieben. Doch der Alte Friedhof an der Brückstraße ist kein vergessener Ort. Er wurde
1825 eingeweiht, 1864 erstmals erweitert und 1881 sowie 1885 durch weitere Flächen vergrößert.
Am 31. Dezember 1969 wurde er für Beerdigungen geschlossen. Heute steht die Anlage unter
Denkmalschutz und wird als historische Parkanlage erhalten. Der Heimatverein der Erkelenzer
Lande kümmert sich gemeinsam mit der Stadt um das etwa einen Hektar große Gelände.
Ein Friedhof erzählt eine Stadt
Wer durch die Anlage geht, begegnet Namen, die mit der Geschichte der Stadt verbunden sind. Da
ist Hermann-Josef Gormanns, Notar und Stifter. Da sind Familien, die über Generationen das
wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben der Stadt prägten. Da sind Geistliche, Bürgermeister,
Unternehmer und andere Persönlichkeiten. Der Heimatverein hat in jahrelanger Arbeit 48
ausgewählte Grabstätten dokumentiert. Entstanden ist daraus eine umfangreiche Sammlung mit
Fotografien, Lebensläufen, Dokumenten, Totenzetteln und persönlichen Geschichten. Man kann
diesen Friedhof deshalb wie ein Geschichtsbuch lesen. Nur das diese Seiten aus Stein sind.

Sieben Namen
Besonders still wird es an der Gedenkstätte für sowjetische Zwangsarbeiter. Auf dem Stein stehen
sieben Namen: Iwan Jurgenson, Grigorij Kaniwetsch, Wassili Legner, Vera Negorijewa, Xenia
Schweic, Grigorij Schegol(e)gow und Parfen Spiridenok. Sie stehen dort nicht als eine anonyme
Zahl. Sie waren Menschen mit einem eigenen Leben, einem Beruf, einer Herkunft und einer
Geschichte. Ihrer persönlichen Geschichte.
Iwan Jurgenson beispielsweise wurde am 24. Mai 1926 in Kiew geboren. Er war gerade 18 Jahre
alt, als er am 17. August 1944 auf dem Transport zum Krankenhaus starb. Als Todesursache wurde
eine chronische Herzerkrankung angegeben.
Bei anderen Einträgen ist die Todesursache eine andere. Bei Wassily Legner, einem Schlosser,
vermerkt das Erkelenzer Standesamt ausdrücklich: „Selbstmord durch Erhängen.“ Auch bei Maria
Wieganzowa, einer als „Ostarbeiterin“ bezeichneten Frau, wird Selbstmord durch Erhängen als
Todesursache angegeben.
Warum diese beiden Menschen keinen anderen Ausweg mehr sahen, wissen wir heute nicht genau.
Aber man kann es erahnen. Vielleicht ist es auch wichtig, diese Ungewissheit auszuhalten. Denn wir
kennen ihre Namen. Wir kennen einzelne Daten ihres Lebens. Wir kennen die Umstände, unter
denen sie hier lebten. Aber wir kennen ihre letzten Gedanken nicht. Und so stehen auf diesem Stein
nicht nur Namen. Es bleiben auch Fragen.

Auch polnische Zwangsarbeiter sind hier bestattet
Die Gedenkstätte erinnert nicht ausschließlich an die sieben auf dem Stein genannten sowjetischen
Bürger. In der Friedhofsdokumentation finden sich weitere konkrete Grabstellen. Im Lagerbuch des
Friedhofs sind unter anderem Josef Wogandzki, Leo Zemlo und Stanislaus Plachettka verzeichnet.
Sie werden dort als polnische Zivilgefangene beziehungsweise Landarbeiter bezeichnet. Auch
Maria Wieganzowa findet sich in diesen Einträgen wieder. Mehr als ihre Namen, ihre Einordnung
als Zivilgefangene beziehungsweise Landarbeiter und ihre Sterbedaten ist aus den hier
dokumentierten Unterlagen zunächst nicht überliefert.
Die Dokumentation bezeichnet die Anlage deshalb als Ehrengrabstätte für sowjetische und
polnische Zwangsarbeiter. Die Namen erweitern den Blick noch einmal. Aus einer Gedenkstätte
wird eine Ansammlung einzelner Lebensgeschichten. Für die Geschichte dieses Friedhofs ist das
keine Nebensache. Es erinnert daran, dass die nationalsozialistische Zwangsarbeit Millionen
Menschen aus den von Deutschland besetzten Gebieten nach Deutschland brachte. Hier in der
Brückstraße bleiben davon einzelne Namen.
Ein Grab auf Zeit
Die Namen auf der Gedenkstätte erzählen noch nicht die ganze Geschichte. Zwischen den Namen
der sowjetischen und polnischen Zwangsarbeiter findet sich noch eine andere Spur. Roger Paul
Louis Chabbert, geboren am 31. Dezember 1910 in Castres im südfranzösischen Tarn, war
französischer Kriegsgefangener. Nach seinem Tod im Jahr 1944 wurde er zunächst auf dem Alten
Friedhof in Erkelenz beigesetzt. In den Unterlagen der französischen Mission ist sein Grab mit der
Nummer 87 verzeichnet. Einige Jahre später wurden seine sterblichen Überreste nach Frankreich
überführt. Als Ziel der Umbettung ist Castres/Tarn angegeben. Mehr erzählt der Friedhof auf den
ersten Blick nicht. Ein Name, ein Grab. Und ein Weg von Frankreich nach Erkelenz – und
schließlich wieder zurück. Was zwischen diesen Stationen geschah, liegt heute weitgehend im
Dunkeln.
Joseph Hahn
Ein anderer Name auf dem Friedhof führt in eine ganz andere Geschichte. Dr. Joseph Hahn,
geboren 1883 in Erkelenz, war Jurist, Zeitungsverleger, Politiker der Zentrumspartei und
Herausgeber des Erkelenzer Kreisblattes. Seine Geschichte ist nicht einfach in die Kategorien von
Widerstand und Anpassung einzuordnen. Nach 1933 geriet das christlich-konservative Kreisblatt
zunehmend unter Druck. Die SA besetzte am Abend der Kommunalwahl im März 1933 das
Verlagsgebäude und verhinderte das Erscheinen der Zeitung. Später wurde die Zeitung weiter
behindert; ihre Auflage sank deutlich. Gleichzeitig versuchte Hahn, den Betrieb unter den
Bedingungen der Diktatur aufrechtzuerhalten. 1941 wurde das Erkelenzer Kreisblatt mit dem
Jülicher Kreisblatt verbunden und erschien nur noch als Nebenausgabe. Nach dem Attentat auf
Hitler vom 20. Juli 1944 begann die sogenannte Aktion „Gitter“. Auch ehemalige
Zentrumsmitglieder aus dem Kreis Erkelenz wurden verhaftet. Hahn kam zunächst in das Gefängnis
am Aachener Adalbertsteinweg. In der Nacht zum 31. August mussten hunderte Gefangene durch
Aachen zum Bahnhof marschieren. Von dort wurden sie in das Arbeitserziehungslager in den
Messehallen Köln-Deutz gebracht. Dort erkrankte er an Flecktyphus. Nach dem Bombenangriff auf
die Kölner Messe am 14. Oktober 1944 wurden die Gefangenen in das Barackenlager Müngersdorf
verlegt. Hahn wurde am 20. Oktober entlassen. Schwerkrank kehrte er nach Erkelenz zurück, auf
einem Lastwagen liegend und begleitet von seinem Freund und Mithäftling Mathias Jäger. Am 10.
November 1944 starb Joseph Hahn an den Folgen seiner Haft. Seine letzte Ruhestätte fand er hier
auf dem Alten Friedhof. Sein Mithäftling Mathias Jäger erinnerte sich später, dass Hahn während
der Haft immer wieder von Erkelenz sprach und beim Sonnenuntergang in Richtung seiner Heimat
blickte. Mehr muss man daraus vielleicht gar nicht machen. Das Grabmal spricht für sich.
Bei meinen Besuchen habe ich allerdings noch etwas anderes bemerkt. Dieser Friedhof ist nicht nur
ein Ort der Vergangenheit. Überall stehen kleine Wasserschalen. Vögel und andere Tiere finden hier
einen Platz. Eichhörnchen sind unterwegs. Die Wege werden gepflegt, Pflanzen wachsen zwischen
den alten Steinen, und obwohl ich bei mehreren Besuchen nur wenige Menschen getroffen habe,
wirkt der Ort nicht verlassen. Eher ruhig. An einem meiner Besuche kam mir ein Mann entgegen,
ungefähr in meinem Alter, mit zwei Hunden. Wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihm, dass ich
den Friedhof nicht als typischen Friedhof empfinde, sondern auch als ein außergewöhnlich schönes
Stück Natur. Er sagte: „Viele nennen diesen Ort einen Kraftort.“ Und ja, vielleicht ist das ein
passender Begriff. Nicht, weil dieser Ort etwas Mystisches haben muss. Sondern weil er eine
ungewöhnliche Verbindung schafft: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Natur und
Erinnerung, zwischen den Menschen, die hier gelebt haben, und denen, die heute durch diese Wege
gehen.
Die Namen bleiben
Vielleicht ist das die eigentliche Besonderheit des Alten Friedhofs.
Man kann hier einfach spazieren gehen. Man kann die Bäume betrachten, das Licht, die alten
Kreuze und Engel. Man kann fotografieren. Man kann sich auf eine Bank setzen.
Und dann bleibt der Blick plötzlich an einem Namen hängen. Iwan Jurgenson. Wassily Legner.
Maria Wieganzowa. Joseph Hahn. Menschen, deren Leben längst vergangen ist. Viele Geschichten
sind gut dokumentiert. Andere bestehen nur aus wenigen Zeilen in einem Register. Bei manchen
wissen wir, wie ein Mensch starb, aber nicht warum. Bei anderen kennen wir die Geschichte ihres
Lebens, aber kaum ihre letzten Tage. Vielleicht müssen wir nicht jede Lücke schließen. Vielleicht
genügt es manchmal, die Namen nicht verschwinden zu lassen. Der Alte Friedhof an der
Brückstraße ist kein Lost Place. Er ist ein Ort, an dem die Zeit ihre Spuren hinterlassen hat.
Und solange Menschen diese Spuren lesen, ist die Geschichte dieses Ortes noch nicht zu Ende.
Quellen:
Stadt Erkelenz: Alter Friedhof Brückstraße – Informationen zur Geschichte und zum
Denkmalschutz.
Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V.: Dokumentation zum Alten Friedhof Brückstraße,
insbesondere die dokumentierten Grabstätten und Lebensgeschichten.
Heimatverein der Erkelenzer Lande e. V.: Route gegen das Vergessen. Insbesondere Station 1 „Zur
Arbeit gezwungen“.
Friedhofsdokumentation / Auszug aus dem Lagerbuch des Friedhofs Erkelenz Brückstraße,
Abschnitt „Sowjetische Zwangsarbeiter“.
Virtuelles Museum Erkelenz: Beiträge zu Dr. Joseph Hahn und zur NS-Zeit in Erkelenz.
Universitäts- und Landesbibliothek Bonn / Zeitpunkt.nrw: historische Ausgaben des Erkelenzer
Kreisblattes bzw. Informationen zur Zeitungsgeschichte.
Arolsen Archives: Unterlagen zu Roger Paul Louis Chabbert und zur Überführung seiner
sterblichen Überreste. Service historique de la Défense (SHD), Frankreich: individuelle
Personalakte Roger Paul Louis Chabbert, ARK 879214. Arolsen Archives, Dokument 70615780:
Roger Paul Louis Chabbert, französischer Herkunft; Unterlagen zur Grabstätte und Überführung.
