Waldfeucht
17. Juli 2026
Als Kind kletterte Torsten Reiners auf den Obstbäumen der Wiese seiner Familie. Äpfel, Birnen und Pflaumen wurden direkt vom Baum gegessen, im Sommer weideten Rinder zwischen den alten Obstbäumen. Jahrzehnte später erinnert kaum noch etwas an diese Zeit. Viele Bäume sind verschwunden, die Wiese wurde intensiv genutzt, mehrmals im Jahr gemäht und mit Gülle gedüngt. „Sie ist heute mehr grüne Wüste als artenreicher Lebensraum“, beschreibt Reiners den Zustand der Karkener Wiese. Genau das soll sich nun ändern. Gemeinsam mit der Westzipfelregion und dem NABU Selfkant möchte der Grundstückseigentümer seine Wiese wieder in eine Streuobstwiese verwandeln. Als ein Teil des LEADER-Projekts „Ökosystem, Lebens-, Erfahrungs- und Lernraum Streuobstwiese“. Doch dabei geht es um weit mehr als das Pflanzen neuer Obstbäume.
Ein Hotspot der Artenvielfalt
Streuobstwiesen gehören zu den wertvollsten Kulturlandschaften Europas. Sie verbinden hochstämmige Obstbäume mit extensiv bewirtschaftetem Grünland und schaffen damit einen Lebensraum, wie er in der modernen Agrarlandschaft immer seltener geworden ist.
Alte Obstbäume mit Höhlen bieten Brutplätze für Spechte, Fledermäuse oder den Steinkauz. Im Frühjahr locken ihre Blüten Wildbienen, Hummeln, Schmetterlinge und andere Insekten an. Im Gras leben Käfer, Heuschrecken und zahlreiche weitere Insekten, die wiederum Nahrung für Vögel und kleine Säugetiere sind. Insgesamt finden auf einer Streuobstwiese mehr als 5.000 Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum.
Der Steinkauz gilt als Leitart der Streuobstwiesen. Die kleine Eule brütet bevorzugt in Baumhöhlen alter Obstbäume oder in eigens aufgehängten Niströhren. Auf extensiv bewirtschafteten Wiesen mit niedriger Vegetation findet sie Mäuse, Käfer und Regenwürmer, ihre wichtigste Nahrung. Nordrhein-Westfalen trägt für diese Art eine besondere Verantwortung, denn mehr als die Hälfte des deutschen Steinkauzbestandes lebt hier. Doch vielerorts verschwinden genau diese Lebensräume. Immer größere landwirtschaftliche Maschinen, wirtschaftlicher Nutzungsdruck und fehlende Pflege haben dazu geführt, dass zahlreiche Obstbäume gefällt wurden oder überalterten. Mit ihnen gingen wertvolle Lebensräume verloren.
Ein Projekt für Mensch und Natur
Hier setzt das neue LEADER-Projekt der Westzipfelregion an. Gemeinsam mit dem NABU Selfkant sollen bestehende Streuobstwiesen erhalten und revitalisiert sowie neue Flächen angelegt werden. Ergänzend entstehen Nistkästen, Insektenhotels und Igelhäuser. Schulen und Kindergärten sollen die Möglichkeit erhalten, in sogenannten „Grünen Klassenzimmern“ Natur hautnah zu erleben. Gleichzeitig werden ehrenamtliche Obstbaumwartinnen und Obstbaumwarte ausgebildet, damit die Pflege der Obstbäume auch langfristig gesichert ist.
Ein weiterer Baustein geht weit über den klassischen Naturschutz hinaus. „Wir möchten möglichst alle geeigneten Streuobstwiesen in der Region digital erfassen“, erklärt Regionalmanagerin Diana Otten. Eigentümer können ihre Flächen melden und, wenn sie dies wünschen, für die Öffentlichkeit freigeben. So sollen Bürgerinnen und Bürger künftig erfahren können, wo sie Äpfel, Birnen oder Pflaumen für den Eigenbedarf pflücken dürfen. Obst soll nicht länger ungenutzt an den Bäumen verfaulen, sondern sinnvoll genutzt werden. Gleichzeitig entsteht ein digitales Verzeichnis der Streuobstwiesen in der Region.

Eine persönliche Herzensangelegenheit
Für Torsten Reiners ist das Projekt weit mehr als eine Fördermaßnahme. Die Wiese gehört ihm und seinem Bruder, der seit vielen Jahren in Norwegen lebt. Solange er denken kann, war die Fläche an Landwirte verpachtet. Früher grasten dort Rinder unter alten Obstbäumen. Im Laufe der Jahre starben die Bäume ab oder wurden gefällt, damit große Maschinen die Fläche leichter bewirtschaften konnten.
Für Reiners war dieser Wandel nur schwer zu ertragen. Schon lange suchte er nach einer Möglichkeit, die Fläche ökologisch aufzuwerten. Über die Interessengemeinschaft Karken entstand schließlich der Kontakt zum NABU Selfkant und zur Westzipfelregion. Das Streuobstwiesenprojekt entsprach genau seinen Vorstellungen.
Künftig sollen auf der Fläche wieder Obstbäume wachsen. Langfristig soll daraus ein Lebensraum entstehen, der nicht nur Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren zugutekommt, sondern auch den Menschen. Reiners kann sich vorstellen, dass dort später Umweltbildungsangebote stattfinden, Kinder die Natur entdecken und die Bevölkerung das Obst ernten kann. Sein Wunsch ist es, dass die Wiese auch über seine eigene Lebenszeit hinaus einen Beitrag zum Natur- und Artenschutz leistet.
Gemeinsam Verantwortung übernehmen
Vorgestellt wurde das Projekt auf einer Streuobstwiese in Waldfeucht. Anwesend waren Heinsbergs Bürgermeister Kai Louis, Waldfeuchts Bürgermeister Marcel Breuer, Selfkants Bürgermeister Gerard Küsters, der Vorsitzende des NABU Selfkant, Hubert Hostenbach, sowie die Regionalmanager der Westzipfelregion, Diana Otten und Franz Gielen. Gangelts Bürgermeister Guido Willems konnte an dem Termin nicht teilnehmen.
Finanziert wird das Vorhaben über das europäische LEADER-Programm. Rund 70 Prozent der Gesamtkosten übernimmt die Europäische Union, die beteiligten Kommunen tragen den Eigenanteil. Die Initiatoren hoffen, dass sich künftig weitere Eigentümer von Streuobstwiesen bei der Westzipfelregion melden. Denn je mehr Flächen erhalten oder neu entstehen, desto größer wird das Netzwerk wertvoller Lebensräume, für Steinkauz, Wildbienen und viele andere Arten. Und vielleicht sitzen dann auch in einigen Jahren wieder Kinder auf den Ästen alter Obstbäume und essen Äpfel direkt vom Baum. So, wie Torsten Reiners es einst getan hat.
Mitmachen erwünscht
Eigentümer von Streuobstwiesen können ihre Flächen bei der Westzipfelregion für die geplante digitale Streuobstkarte melden. Ziel ist es, öffentlich zugängliche Obstwiesen zu erfassen und so die Ernte regionalen Obstes zu fördern.
Kontakt: Lokale Aktionsgruppe Westzipfelregion e.V.
Erzbischof-Philipp-Straße 12
52525 Heinsberg
E-Mail: leader@westzipfelregion.de
Fotos / Bericht:
Ron Weimann
