Heinsberg
10. Juli 2026
Was eine Hitzewelle im Kreis Heinsberg sichtbar gemacht hat.
Kaum steigen die Temperaturen auf über 35 Grad, taucht dieser Satz in sozialen Netzwerken immer
wieder auf. Oft begleitet von Kommentaren wie „Früher war es auch heiß.“ oder „Das gab es schon
immer.“ Doch während diese Diskussion geführt wird, werden in den Notaufnahmen zusätzliche
Ärzte aus ihrer Freizeit zurückgerufen. Rettungsdienste kämpfen mit außergewöhnlich vielen
Einsätzen. Pflegekräfte versuchen, besonders gefährdete Menschen vor den Folgen extremer Hitze
zu schützen. Was passiert also wirklich hinter den Kulissen?
Natürlich gehören heiße Tage zum Sommer. Doch wenn es tatsächlich nur ein gewöhnlicher
Sommer wäre, warum investieren Städte und Gemeinden in Trinkwasserbrunnen, entsiegeln Plätze,
pflanzen Bäume und entwickeln Hitzeschutzmaßnahmen? Warum passen Krankenhäuser ihre
Abläufe an? Warum warnen Wissenschaftler seit Jahren vor den gesundheitlichen Folgen extremer
Hitze? Und warum berichten Rettungsdienste von Einsätzen, die selbst erfahrene Einsatzkräfte an
ihre Grenzen bringen?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, habe ich mit Menschen gesprochen, die die jüngste
Hitzewelle aus einer Perspektive erlebt haben, die den meisten von uns verborgen bleibt: mit einem
Notfallmediziner, einem Rettungssanitäter, Pflegekräften sowie Vertretern von Stadt und Kreis
Heinsberg. Ergänzt wurden diese Gespräche durch wissenschaftliche Erkenntnisse und die
Auswertung kommunaler Maßnahmen zum Hitzeschutz. Hinter den Kulissen der Kliniken im Kreis
Heinsberg zeigt sich schnell: Die Hitzewelle ist kein harmloses Wetterphänomen mehr, sondern ein
medizinischer Ausnahmezustand.
„Derart bedrohliche Zustände habe ich so noch nie erlebt.“
Dr. Friedrich Hölzl leitet die Zentrale Notaufnahme des Hermann-Josef-Krankenhauses in Erkelenz.
Extreme Situationen gehören zu seinem Berufsalltag. Umso bemerkenswerter fällt seine
Einschätzung der jüngsten Hitzewelle zu den vergangenen Jahren aus. „Ja, eine massive Häufung.
Derart bedrohliche Zustände habe ich so noch nie erlebt.“ Während der Hitzewelle stieg die Zahl
der Patientinnen und Patienten deutlich an, schilderte der erfahrene Mediziner. Insgesamt wurden
nach seinen Angaben rund zwanzig Prozent mehr Menschen behandelt, im internistischen Bereich
sogar etwa vierzig Prozent mehr. Teilweise sogar intensivmedizinisch. Die Diagnosen reichten von
schweren Flüssigkeitsverlusten über Kreislaufzusammenbrüche bis hin zu Nierenversagen und
lebensbedrohlichen Hyperthermien mit Körpertemperaturen von über 40 Grad. Die Belastung war
so außergewöhnlich, dass zusätzliche Oberärzte aus ihrer Freizeit zurückgerufen werden mussten.
Für den Notfallmediziner war das ein deutliches Signal, denn auch medizinisches Material wurde
während der Hitzewelle knapp: „Ab jetzt bereiten wir uns gezielt auf Hitzeperioden vor.“
Wenn jede Minute zählt
Besonders eindrücklich schildert Dr. Hölzl eine Szene, die ihm bis heute im Gedächtnis geblieben
ist. Während der Hitzewelle wurden Patienten in die Notaufnahme eingeliefert, die vom
Rettungsdienst bereits notdürftig gekühlt worden waren. Nach seinen Schilderungen war die
Kühlung zuvor in einer Pflegeeinrichtung mit vorhandende Mitteln, in einem Fall sogar mit
Tiefkühlgemüse, begonnen worden, um die lebensgefährlich erhöhte Körpertemperatur möglichst
schnell zu senken. Für Dr. Hölzl steht dieses Bild sinnbildlich für eine außergewöhnliche Lage, in
der Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienste unter hohem Zeitdruck mit den vorhandenen
Möglichkeiten alles taten, um Menschenleben zu retten. Ebenso berichtete er von drei Menschen im
Kreis Heinsberg, die während der Hitzewelle tot aus ihren Dachgeschosswohnungen geborgen
wurden, nachdem aufmerksame Nachbarn Feuerwehr und Rettungsdienst verständigt hatten. Ob die
Hitze letztlich todesursächlich war, müsse medizinisch geklärt werden. Ein Zusammenhang liege
aus seiner Sicht jedoch nahe.
Viele Notfälle wären vermeidbar
Doch wie lässt sich dieser Ansturm in Zukunft verhindern? Für Dr. Hölzl liegt die Antwort auf der
Hand: „Ausreichende Trinkmengen, vor allem bei älteren Menschen.“ Gerade ältere Menschen
bemerkten häufig nicht rechtzeitig, dass ihr Körper bereits zu viel Flüssigkeit verloren habe. Nicht
selten müsse deshalb bereits im Krankenhaus intravenös Flüssigkeit ersetzt werden. „Unsere
Gebäude sind allerdings auf diese Perioden nicht ausreichend vorbereitet.“ Die Zentrale
Notaufnahme verfüge bereits seit Jahren über eine Klimaanlage. Viele öffentlichen Gebäude seien
jedoch nie für längere Hitzeperioden geplant worden. Deshalb brauche es nach seiner Einschätzung
mehr als kurzfristige Lösungen. „Man muss Ausweichkonzepte anbieten – Exit-Strategien“, so Dr.
Hölzl.Noch wichtiger erscheint ihm jedoch etwas anderes. Auf die Frage, welche Maßnahme
außerhalb des Krankenhauses die meisten hitzebedingten Notfälle verhindern könnte, antwortet er:
„Man muss sich im Klaren sein, was da auf uns zukommt. Man muss Sensibilität schaffen.“
Der Rettungsdienst erlebt dieselbe Hitzewelle
Unabhängig davon schildert ein langjähriger Rettungssanitäter aus dem Kreis Heinsberg nahezu
dieselben Erfahrungen. Auch er berichtet von einer außergewöhnlich hohen Einsatzauslastung.
Von vollständig dehydrierten Patienten in teilweise massiv überhitzten Wohnungen.
Von Einsätzen, die sich deutlich von früheren Sommern unterschieden.
Besonders eindrucksvoll ist jedoch seine Antwort auf die Frage nach der größten Belastung.
Nicht die Zahl der Einsätze nennt er, sondern: „Die Angst, bei solchen Temperaturen nicht mehr
adäquat zu funktionieren.“ Ein Satz, der zeigt, dass extreme Hitze nicht nur Patienten belastet.
Sondern auch diejenigen, die ihnen helfen.
Der Rettungssanitäter richtet deshalb einen einfachen Appell an die Bevölkerung.“Bitte haltet ein
Auge auf Euer Umfeld.“ Regelmäßig trinken, nachts lüften und Fenster tagsüber verschatten.
Und gerade bei älteren oder pflegebedürftigen Menschen aufmerksam sein.
Ein einfacher Trinkwecker könne bereits helfen. Fast jedes Mobiltelefon verfügt über
Gesundheitsapps die an Wasserzufuhr erinnern. Es sind einfache Maßnahmen.
Und doch könnten sie nach Einschätzung der Einsatzkräfte in vielen Fällen verhindern, dass aus
einer Hitzebelastung ein medizinischer Notfall wird.
Warum gerade ältere Menschen besonders gefährdet sind
Dass ältere und vorerkrankte Menschen besonders häufig betroffen sind, ist medizinisch gut belegt.
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Temperaturregulation des Körpers. Das Durstgefühl
nimmt ab, die Schweißproduktion wird geringer der Körper gibt Wärme langsamer ab.
Viele ältere Menschen bemerken deshalb erst spät, dass sie bereits dehydriert oder überhitzt sind.
Gerade Senioren, chronisch Kranke sowie Menschen mit Herz-, Lungen- oder Nierenerkrankungen
zählen deshalb zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen.
Wenn Kommunen handeln
Während in sozialen Netzwerken noch darüber diskutiert wird, ob extreme Hitze lediglich ein „ganz
normaler Sommer“ sei, reagieren Städte und Gemeinden längst.
Die Stadt Heinsberg investiert in Trinkwasserbrunnen, entsiegelt öffentliche Flächen, gestaltet
Schulhöfe klimaangepasst um, pflanzt Bäume und fördert Dach- sowie Fassadenbegrünungen. Ziel
ist es, Hitzeinseln zu reduzieren und den öffentlichen Raum an steigende Temperaturen anzupassen.
Der Kreis Heinsberg beschreibt seine Aufgabe vor allem in Beratung und Information. Das
Gesundheitsamt verweist auf bestehende Klimaschutz- und Nachhaltigkeitskonzepte sowie auf das
Landesportal hitze.nrw.de. Gleichzeitig sieht auch der Kreis intensivere Hitzephasen und eine
alternde Bevölkerung als zentrale Herausforderungen der kommenden Jahre.
Diese Maßnahmen entstehen nicht zufällig. Sie beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, die
seit vielen Jahren darauf hinweisen, dass Hitzewellen häufiger, länger und intensiver auftreten
können und gerade für ältere und chronisch kranke Menschen ein zunehmendes Gesundheitsrisiko
darstellen.
Mehr als ein Wetterbericht
Bei den Gesprächen im Kreis Heinsberg zog sich ein roter Faden durch alle Gespräche. Der
Notfallmediziner, der Rettungsdienst. Die Pflege. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die
Maßnahmen von Stadt und Kreis.
Sie alle beschreiben dieselbe Entwicklung, nur aus unterschiedlichen Blickwinkeln.
Niemand sprach von Panik, niemand forderte spektakuläre Maßnahmen.
Aber alle machten deutlich, dass extreme Hitze längst nicht mehr nur eine Frage des Wetters ist.
Sie betrifft unsere Krankenhäuser. Unsere Rettungsdienste. Unsere Pflegeeinrichtungen. Unsere
Städte. Und sie betrifft vor allem diejenigen, die sich nicht mehr ausreichend selbst schützen
können. Vielleicht ist deshalb die eigentliche Frage gar nicht, ob heiße Tage zum Sommer gehören.
Natürlich tun sie das. Die entscheidende Frage lautet vielmehr:
Wenn Krankenhäuser ihre Abläufe ändern, Rettungsdienste außergewöhnliche Belastungen
schildern, wenn Bund, Länder und Gemeinden viel Geld in Hitzeschutz investieren und die
Wissenschaft seit Jahren vor den gesundheitlichen Folgen extremer Hitze warnt, sollten wir dann
weiterhin von einem „ganz normalen Sommer“ sprechen?
Extreme Hitze ist längst mehr als eine außergewöhnliche Wetterlage. Sie ist zu einer
Herausforderung für Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Rettungsdienste und Kommunen
geworden. Wenn zusätzliche Oberärzte aus ihrer Freizeit zurückgerufen werden müssen. Wenn
Pflegekräfte und Rettungsdienste unter hohem Zeitdruck improvisieren. Wenn erfahrene
Notfallmediziner feststellen, dass unsere Gebäude auf solche Hitzeperioden nicht ausreichend
vorbereitet sind. Dann geht es längst nicht mehr nur um das Wetter. Die jüngste Hitzewelle hat
gezeigt, wie engagiert Ärzte, Pflegekräfte und Rettungsdienste arbeiten. Sie hat aber ebenso
deutlich gemacht, dass die bisherigen Strukturen an ihre Grenzen gestoßen sind. Zudem wurde aber
auch klar, dass diese Maßnahmen allein noch nicht ausreichen, um besonders gefährdete Menschen
in allen Situationen wirksam zu schützen. Die Erfahrungen aus den Krankenhäusern, dem
Rettungsdienst und der Pflege sollten deshalb nicht nur als Rückblick auf eine außergewöhnliche
Hitzewelle verstanden werden. Sie bieten auch die Chance, bestehende Konzepte kritisch zu
überprüfen und dort weiterzuentwickeln, wo die Praxis Schwachstellen sichtbar gemacht hat.
Hitzeaktionspläne sind kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob sie dort ankommen, wo Menschen
besonders gefährdet sind. In Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Schulen, Kitas und in den
Wohnungen älterer Menschen. Die Erfahrungen der vergangenen Wochen liefern dafür wertvolle
Hinweise. Es wäre eine vertane Chance, sie ungenutzt zu lassen.
Nicht Angst sollte unser Handeln bestimmen, sondern Vorbereitung. Nicht Alarmismus,sondern
Konsequenzen. Genau das fordern die Menschen, die während der Hitzewelle Verantwortung
getragen haben. Denn jeder Baum, der Schatten spendet. Jede Pflegeeinrichtung, die sich besser
vorbereitet. Jedes Krankenhaus, das Abläufe anpasst. Jeder Trinkwasserbrunnen, jede
Hitzeschutzmaßnahme. Sie alle dienen letztlich demselben Ziel: Menschenleben zu schützen.
Die Erfahrungen der jüngsten Hitzewelle bleiben nicht ohne Folgen. Nach Angaben von Dr.
Friedrich Hölzl fanden bereits überregionale Treffen der Leitungen von Notaufnahmen statt. Auch
auf Kreisebene haben Rettungsdienst und Krankenhäuser ihre Zusammenarbeit weiter abgestimmt,
um sich auf zukünftige Hitzeperioden besser vorzubereiten. Dazu gehören unter anderem
organisatorische Anpassungen sowie Überlegungen, zusätzliche Kühlmöglichkeiten für
Patientinnen und Patienten bereitzuhalten.
Warum Hitze gefährlich werden kann
• Ältere Menschen verspüren häufig weniger Durst.
• Säuglinge können ihre Körpertemperatur schlechter regulieren.
• Chronisch Kranke reagieren empfindlicher auf Flüssigkeitsverlust.
• Hohe Luftfeuchtigkeit erschwert die Abkühlung des Körpers.
• Tropennächte verhindern die notwendige Erholung.
• Aufgeheizte Gebäude können auch nachts gefährlich warm bleiben.
Bericht: Ron Weimann
Symbolbild Thermometer / KI
