Einen besseren Ort als das kleine Straßendorf Steinkirchen hätte man für dieses Konzert nicht finden können. In der einmaligen, ein wenig morbiden Atmosphäre der alten Steinkirchener Kirche entführten Kewen Wang, eine mit vielen Auszeichnungen prämierte junge Pianistin aus China und Volker Mertens, Kirchenmusiker, Opernsänger und Komponist aus in Düsseldorf, mittlerweile heimisch in Wassenberg-Myhl, das Publikum in die Welt von Johann Sebastian Bach, Franz Schubert und Rainer Maria Rilke.
Viele der von Mertens rezitierten Rilke-Texte stammen aus dem „Stundenbuch“, in dem der Dichter die Suche des Menschen nach einem höheren Sinn thematisiert. Oft wird diese Suche begleitet von Zweifeln und der Angst vor dem Zerfall der Welt. Im Stundenbuch, das einem klösterlichen Horarium nachempfunden ist, bricht Rilke mit dem traditionellen Gottesbild und ersetzt es durch eine pantheistische Weltanschauung. Einen dunklen, formlosen Gott, der durch das suchende Bewusstsein ins Dasein gerufen wird, setzt er an die Stelle des menschenähnlichen, aber fernen Gottes. Für das lyrische Ich wählte Rilke nach seinen Russlandreisen einen russischen Mönch, der abgeschieden von der modernen, industrialisierten Welt lebt. In diesem Zusammenhang taucht das Thema der menschlichen Hybris auf: „Was ist Rom? / Es zerfällt. /Was ist die Welt?/ Sie wird zerschlagen.“ Und doch kann der Mensch auch anders, wenn er sich wünscht, „in den stillen, irgendwie zögernden Zeiten, wenn etwas naht, unter den Wissenden (zu) sein“. Ein Wunsch, den der ein oder andere im Publikum, der sich seit Tagen schon mit einer noch nie dagewesenen Hitze im Frühsommer konfrontiert sah, sicher nachempfinden mochte. „Wie ist das klein, womit wir ringen / Was mit uns ringt, wie ist das groß“, bringt Rilkes „Buch der Bilder“ das innere Ringen des Menschen und seine Begegnung mit dem Ewigen auf den Punkt. Der göttliche Auftrag, der als sinnstiftendes Element poetisch beschrieben wird, lautete: „Geh bis an deiner Sehnsucht Rand; gieb mir Gewand“.
Solche und viele andere existenzielle Erkenntnisse und Fragen des großen Lyrikers Rilke wurden durch die angenehme Bass-Stimme des Interpreten Mertens meisterhaft in Szene gesetzt und von seiner Begleiterin am Klavier in hervorragender und ganz eigener Manier interpretiert. Die meditativen, barocken Musikstücke von Johann Sebastian Bach (z.B. „Schafe können sicher weiden“ und „Air“) sowie die von Schubert vertonten Lieder der großen Klassiker Rückert („Du bist die Ruh“), Goethe („Grenzen der Menschheit“ und „Wanderers Nachtlied“) Schiller („Hoffnung“) und C. Lappe („Im Abendrot“) berührten das Publikum sichtlich, das die Interpreten mit viel Applaus belohnte.
Zusammengebracht hatte die beiden Künstler vor noch nicht allzu langer Zeit Professor Stefan Irmer, ein renommierter Pianist und Hochschullehrer für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Er gilt als ausgewiesener Kenner und kongenialer Interpret vergessener oder kaum gespielter Kostbarkeiten der Klaviermusik. Einen gemeinsamen Auftritt hat das Team Mertens-Wang vor kurzem auch schon in Heinsberg-Randerath gehabt. Das nächste Konzert ist in Bonn geplant. Und in Heinsberg wird es ein Wiedersehen geben am 13. November mit Vertonungen u.a. von Viktor Ullmann und Dietrich Bonhoeffer.
Arnd Winkens aus Ophoven, Mitglied des Kirchenvorstands, betonte am Schluss der Veranstaltung noch einmal, was für eine bezaubernde Vorstellung dem kleinen, aber musikalisch hochinteressierten Publikum dargeboten worden sei und drückte die Hoffnung aus, dass sich das Erlebte schnell herumspreche und bei nächster Gelegenheit die Bänke etwas mehr gefüllt seien. Hochverdient wäre das allemal.
Wassenberg, 28.6.2026
© Irmgard Stieding (iStie
Wassenberg, 28.6.2026
© Irmgard SƟeding (iSƟe)
