Heinsberg
25. Mai 2026
von Ron Weimann
Dokumentarfilm in Heinsberg löst Diskussion über Schule, Druck und gesellschaftliche Verantwortung aus
Rund 120 Gäste verfolgten in der Gesamtschule Heinsberg-Waldfeucht die Vorführung des Dokumentarfilms
„Die vergessenen Seiten des Lernens“. Bereits zu Beginn machte Michael Dohmen, Initiator des Abends, deutlich: „Dieser Film ist nicht bequem.“
Eröffnet wurde die Veranstaltung von Peter Ruske, Schulleiter der Gesamtschule Heinsberg-Waldfeucht. Schnell wurde deutlich, dass es an diesem Abend um weit mehr als Schule oder Noten ging. Der Film von Bernhard Warsitz beschäftigt sich mit Leistungsdruck, psychischen Belastungen junger Menschen, gesellschaftlichen Erwartungen und den Folgen autoritärer Strukturen in Erziehung und Gesellschaft.

Die Dokumentation verbindet Beispiele aus Deutschland, Island, Indien und Uganda mit Interviews von Wissenschaftlern, Pädagogen und Sozialarbeitern. Thematisiert werden Angststörungen, Depressionen, Selbstverletzung, Zukunftsängste sowie die Auswirkungen von Leistungsdruck und permanenter Bewertung auf Kinder und Jugendliche. Besonders eindrücklich wirken die Szenen aus Indien, in denen Jugendliche über enormen Druck, Umweltprobleme und fehlende Perspektiven sprechen.
Zu Wort kommen unter anderem der amerikanische Psychologe Peter Gray, Gesundheitsforscher Ludwig Bilz sowie der Kinderrechtsforscher Manfred Liebel. Diskutiert werden Zusammenhänge zwischen restriktiver Erziehung, Angst, gesellschaftlichem Druck und politischen Entwicklungen. Erwähnt werden dabei unter anderem Donald Trump, dessen restriktive Kindheit thematisiert wird, rechtspopulistische Entwicklungen in Deutschland, Europa sowie die rechte Regierung in Italien. Der Film vertritt die These, dass autoritäre Strukturen und fehlende Mitbestimmung autoritäre Haltungen begünstigen können.
Auch der Begriff „Adultismus“ spielte eine wichtige Rolle. Gemeint ist damit die strukturelle Überlegenheit von Erwachsenen gegenüber Kindern und Jugendlichen. Etwa durch Kontrolle, fehlende Mitsprache oder die Abwertung kindlicher Perspektiven. Der Film stellt die Frage, wie stark Machtstrukturen in Schule und Erziehung spätere gesellschaftliche und politische Einstellungen prägen. Gegen Ende richtet der Film den Blick nach Uganda, wo die deutsche Sozialunternehmerin Alexandra Müller gemeinsam mit Menschen vor Ort Bildungsprojekte aufgebaut hat. Ihr Leitsatz „Nicht für Menschen, sondern mit Menschen“ wurde dabei fast zu einem Gegenentwurf zu vielen zuvor diskutierten Themen wie Druck, Kontrolle und gesellschaftlicher Konkurrenz.
Interessant blieb auch die Atmosphäre nach dem Film. Die Diskussion fiel differenziert aus: Manche Besucher betrachteten die Thesen der Dokumentation kritisch, andere fühlten sich in ihren eigenen Erfahrungen bestätigt. Eltern lobten den Film für seine Offenheit und die direkte Auseinandersetzung mit psychischen Belastungen junger Menschen. Gleichzeitig wurde deutlich, dass viele Zuschauer die Themen des Films längst nicht mehr nur als pädagogische Debatte verstanden. Vielmehr ging es um gesellschaftliche Verantwortung und politische Rahmenbedingungen. Eine Mutter aus dem Publikum brachte dies schließlich auf den Punkt: „Warum wird uns dieser Film gezeigt und nicht der Politik?“

Auf der Plattform „Education for Future“ beschreibt Filmemacher Bernhard Warsitz den Film ausdrücklich als Einladung zum gesellschaftlichen Innehalten und zur Frage: „Was machen wir da eigentlich?“
Genau dieser Gedanke zog sich spürbar durch den gesamten Abend.
Eine besondere Rolle spielte an diesem Abend auch Jenny Rasche, die seit Jahren mit RomaFamilien in Rumänien arbeitet. Rasche begann ihren Beitrag zunächst mit Hoffnung und Anerkennung. Sie sprach darüber, wie sie im Kreis Heinsberg in Schulen und Werkstätten erlebt habe, „wie die Welt besser sein kann, wenn eine gesamte Gesellschaft die Schwächsten nicht ausgrenzt“.Umso eindrücklicher wirkten deswegen ihre Schilderungen aus Rumänien. Dort würden viele Kinder nie alt genug, um überhaupt eingeschult zu werden. Für jene, die es in die Schule schaffen, gehöre Ausgrenzung häufig zum Alltag: fehlende Bücher, Angst davor Fragen zu stellen und Gewalt durch Mitschüler. Teilweise würden Schulplätze mit Roma-Kindern gefüllt, damit Lehrkräfte auf dem Land ihre Unterrichtsberechtigung behalten könnten – echtes Interesse an den Kindern selbst fehle jedoch oft.
Für viele Jugendliche ende die Schulzeit früh, weil Armut Familien dazu zwinge, minderjährige Kinder möglichst schnell eigene Familien gründen zu lassen. Besonders schwer sei die Situation für Kinder mit Erkrankungen oder Behinderungen. Rasche berichtete von mangelnder medizinischer Versorgung und Kindern, die trotz schwerster gesundheitlicher Schäden kaum Unterstützung erhalten.
Gleichzeitig blieb auch dieser Teil des Abends nicht hoffnungslos. Gemeinsam mit Tabita, die ihre Arbeit seit Jahren begleitet, habe sie aus kleinen Anfängen heraus eine große heilpädagogische Einrichtung in Sibiu aufgebaut. Tabita arbeitete früher in einer Fabrik, Rasche war gelernte Rinderzüchterin. Heute jedoch tragen beide gemeinsam Verantwortung für eine der größten heilpädagogischen Einrichtungen der Region.

Ihre Erfahrungen brachten eine zusätzliche soziale Perspektive in die Diskussion ein. Immer wieder wurde deutlich, wie eng Bildung, Armut, Ausgrenzung und psychische Belastungen miteinander verbunden sind. Wie unterschiedlich die Voraussetzungen für Bildung sein können, zeigen Bilder aus Rumänien: Kinder, die ihre Hausaufgaben im Licht kleiner LED-Lampen erledigen, weil es in ihren Häusern keine verlässliche Stromversorgung gibt. Bildung wird dort nicht selbstverständlich, sondern oft zu einer Frage von Hoffnung und gesellschaftlicher Teilhabe. Die Bilder des Films zeigen dazu Lebenswelten, in denen Armut, fehlende Infrastruktur und mangelnde Bildungschancen den Alltag prägen. Sie erweitern den Blick auf die Fragen, die auch der Film stellt: Wie wachsen Kinder auf? Welche Chancen bekommen sie? Und wie stark prägen gesellschaftliche Systeme ihr späteres Leben? Zwischen Diskussionen über Schulstress, Angststörungen und gesellschaftlichen Druck wirkten diese Bilder beinahe wie eine leise Erinnerung daran, worum es eigentlich geht: um Kinder, die gesehen werden wollen.
Am Ende blieb also weniger die Suche nach einfachen Antworten als die Frage, wie Schule und Gesellschaft aussehen müssen, damit junge Menschen nicht nur funktionieren, sondern zuversichtlich in die Zukunft blicken können.
Mehr Informationen unter: Education For Future – Begegnungen, die bleiben – Ideen, die bewegen und Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V.: https://www.roma-kinderhilfe.de
