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von Ron Weimann

Heinsberg
09. Mai 2026 Um 16 Uhr treffen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Geschäftsstelle der Grünen in Heinsberg. Schwämme, Tücher und Wasserflaschen stehen bereit. Kurz bevor die Gruppe aufbricht, bedankt sich Jakob Gerards bei den Anwesenden für ihr Engagement. Viele der Stolpersteine im Stadtgebiet gehen auf die Initiative des ehemaligen ersten Beigeordneten und Kämmerers der Stadt Heinsberg zurück. Insgesamt erinnern heute 86 Stolpersteine an 24 Orten im Stadtgebiet an ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger. Rund 60 dieser Steine wurden am Nachmittag gereinigt. Die kleinen Messingplatten liegen vor Häusern, in Straßen und auf Gehwegen, an Orten, an denen Menschen einst lebten, arbeiteten und Teil des alltäglichen Stadtlebens waren. Die Namen stehen auf einem einfachen Blatt Papier. Daneben Adressen, die Anzahl der Stolpersteine, Familiennamen. Randerath. Schwarz. Kaufmann. Wolff.

 

Beim Lesen wird deutlich, worum es eigentlich geht. Nicht um Zahlen. Nicht um Geschichte in weiter Ferne. Sondern um Menschen, die mitten in Heinsberg lebten. Familien, die Nachbarn waren. Kinder, Eltern, Geschwister. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig gelten heute als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Sie liegen nicht auf großen Plätzen oder hinter Museumsmauern, sondern mitten im Alltag. Vor Haustüren, auf Gehwegen, zwischen Geschäften, Cafés und vorbeieilenden Menschen. Gerade darin liegt ihre besondere Bedeutung. Erinnerung begegnet einem nicht geplant. Man stolpert im Vorbeigehen über Namen, Lebensdaten und Schicksale von Menschen, die einst Teil dieser Stadt waren und von den Nationalsozialisten entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten begann auch für jüdische Familien in Deutschland die systematische Ausgrenzung. Rechte wurden entzogen, Geschäfte boykottiert, Menschen deportiert und ermordet. Millionen jüdischer Menschen wurden Opfer des Nationalsozialismus. Auch in Heinsberg verschwanden Familien aus dem Stadtbild. Während der Reinigungsaktion knien Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf den Bürgersteigen der Innenstadt und polieren die Messingplatten. Langsam werden Namen sichtbar, dazu Lebensdaten und Orte der Deportation. Manche Menschen hasten vorbei. Andere verlangsamen ihre Schritte. Einige bleiben stehen, schweigend und in Gedanken versunken.

 

Und dann gibt es jene, die mit ihren Worten ringen, um sich leise für diese Arbeit zu bedanken. Langsam werden die Stolpersteine heller. Manche beginnen sogar, im Sonnenlicht zu glänzen. Besonders emotional wird es, als ein älterer Mann stehen bleibt. 1940, erzählt er leise, ist seine Familie nach Heinsberg gezogen und er früher selbst in der Patersgasse gewohnt habe. Die deportierte Familie Randerath habe er wahrscheinlich noch gekannt.Für einen Moment sagt niemand etwas. Man hört nur das leise Reiben der Schwämme auf den Stolpersteinen. An diesem Nachmittag in Heinsberg geht es um mehr als das Reinigen kleiner Messingplatten. Es geht darum, Namen sichtbar zu halten, Menschen nicht vergessen zu lassen und Erinnerung dorthin zurückzubringen, wo diese Menschen einst gelebt haben. Mitten in die Stadt. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“– Gunter Demnig Weitere Informationen zum Projekt Stolpersteine unter: https://www.stolpersteine.eu/

Fotos:
Ron Weimann

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