Unausgesprochene Familiengeheimnisse, Traumata, die bis heute nachwirken, das Tausendjährige Reich, politische und historische Zeitläufte, in die Männer und Frauen schicksalhaft eingebunden waren, selbst Einsprengsel aus der russischen Kunstgeschichte – das alles ließ Josef Elst bei seiner Lesung in der Bücherkiste vor den Zuhörern lebendig werden. Hinter allem Geschehen in diesem autobiografischen Generationen-Roman ist immer das Motiv der Versöhnung spürbar.
Episodenhaft werden Kindheit und Heranwachsen des Erzählers zwischen Großeltern, Eltern und Tanten beschrieben. Seine ersten Erinnerungen handeln vom Drachenfels und seinen Drachenhöhlen, die er täglich von seinem Fenster aus betrachten kann. Das Kind will wissen, wo Siegfried den Drachen getötet hat. Es fragt den Großvater, ob er den Ritter noch gesehen habe. Doch der hat nur braune und rote Drachen erlebt, ein Siegfried sei nie gekommen.
Es sind vor allem die Frauenfiguren im Roman, die den Erzähler, jede auf ihre Weise faszinieren. So zum Beispiel die fromme Tante Mathilde, bei der er im Sommer das Kinderglück im Garten findet und im Winter drinnen am Tisch beim Malen. Er malt Blumen, Bäume, Himmel… und die Sonne immer oben rechts. Als er beginnt Drachen zu malen, sagt sie: „Mal doch lieber was Schönes“ und „Der liebe Gott sieht alles“. Mit Schwester Josefine, die dort öfter zu Besuch weilt, singt er „Maria breit den Mantel aus“.
Elst kommentierte, es gebe zwei Arten des Katholizismus, die von Tante Mathilde, bei der Gott eine Art Buchhalter für Sünden sei und die von Schwester Josefine, zu der alle unterschiedslos unter den Mantel kriechen dürften.
Die Frau auf dem Titelfoto des Romanwerks ist Großmutter Gertrud mit 20 Jahren. Eine hübsche, energische Frau. Sie stirbt 1959, da ist er gerade fünf Jahre alt. Ohne ihn, so Elst, wüsste niemand mehr von dieser Frau. Er habe sich gefragt, was sie wohl vom Leben erwartet habe. Sie habe eine Höhere Mädchenschule in Belgien besucht und später in Lazaretten freiwillig Krankendienst getan. Selbst hat er sie nicht gekannt. Manchmal, wenn ihr Mann, der schwer an Kriegstraumata litt, unerträglich war, trank sie einen Himbeergeist. „Prost Gerta“, habe er ihr dann zugerufen. 1955, ein Jahr nach der Geburt des Erzählers, ist er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück gekommen. Die Großmutter habe gegen Ende ihres Lebens immer in die Ferne geschaut, als erblicke sie dort ein gleißendes Licht, sie habe ihren Tod vorausgeahnt, sei aber dennoch auch fröhlich gewesen.
Eine weitere Frauenfigur ist Tante Franziska, keine richtige Tante. Die Urgroßeltern hatten 1930 ihrem sterbenden Vater versprochen, sich um sie zu kümmern. Sie wechselte von der einen in die andere Generation der Familie des Erzählers hinein, wie ein altes „Erbmöbel“. Am liebsten ließ sich die geistig etwas eingeschränkte Tante die letzte Ölung bringen, weil ihr der als Missionar vielgereiste Pastor in seiner Art gefiel. Den deftigen Auftritt dieses Mannes hätten sie sich als Kinder natürlich nicht entgehen lassen, der wissen wollte, was sie denn überhaupt noch „ze bichte“ hätte und ob nicht ihr Kopf schon ganz durchtränkt wäre von dem vielen Öl.
Tante Magdalena verstand es, Männerherzen höher schlagen zu lassen. Sie habe einen verwirrend intensiven Blick gehabt, dazu eine dunkle Stimme mit einem Hauch von Erotik. Das habe nicht nur auf Männer, sondern auch auf kleine Jungen ihre Wirkung nicht verfehlt. Wegen der winterlichen Kälte habe er sogar seinen Hand in ihren Muff stecken dürfen. Und dann habe beim Lied „Zu Bethlehem geboren“ ihr Tremolo sich derart aufgeschwungen, dass es ihn in ein schwereloses Glück versetzt habe.
Schließlich kommt Elst bzw. der Erzähler noch auf seine Mutter und die Wallfahrtskirche Maria Trens in Südtirol zu sprechen. Dorthin, d.h. in das nahe Sterzing, war sie, vorehelich schwanger, geflüchtet. Eine herzensgute Vermieterin nahm sich ihrer an und ging mit ihr in den Wallfahrtsort, wo sie der Gottesmutter ihre Sorgen vortrugen. Die Vermieterin schimpft auf die Mütter der jungen Frau, die sie so im Stich ließen, aber nachher das Kind dann doch in den Armen halten wollten. Im Angesicht der Bergriesen werden die Sorgen der Mutter immer kleiner. Sie hat kein Heimweh, sie fühlt ihre Flucht als Befreiung.
Auch die Männer spielen natürlich im Reigen der Erinnerungen eine Rolle, wie der Opa mit seinem schweren Schicksal als Soldat in Russland.
Eine witzige Episode mit ihm ist überschrieben mit „Froschkönig“. Der Erzähler fragt ihn: „Opa, wie hast du die Oma kennen gelernt?“ Auf diese dreimal in Varianten wiederholte Frage erhält der Junge immer wieder eine andere Antwort, denn den wahren Anlass will er nicht nennen. Einmal sei es gewesen, als die Oma ihr Gebetbuch vergessen hatte und er sie in der Kirche in seines hatte einschauen lassen, dabei habe sie gesungen wie ein Engelchen. Beim zweiten Mal sei es in einem Philisterzirkel (Studentenverbindungs-Zirkel) gewesen, da habe sie seine blank geputzten Schuhe bewundert und nachher so schön zu seinem Klavierspiel getanzt. Beim dritten Mal sei es ein Faschingsball gewesen, bei dem er sich als Frosch und sie als Prinzessin verkleidet habe. Sie habe Tante Franziska als Kammerzofe mitgebracht.
Die Oma enttarnt seine „Lügengeschichten“. Er könne doch gar nicht tanzen, höchstens wie „enne Bär op Söck“. Der Großvater revanchiert sich mit der Aussage, er sei froh, dass er sie „strubbelisch Möppke“ von der Straße geholt habe. In Wirklichkeit sei die erste Verlobung der Großmutter in die Brüche gegangen und der Großvater sei zweite Wahl gewesen.
Warum der Vater Schnee hasste, verstand der Erzähler erst später. Es war wegen der Bilder aus Russland im Januar 1944, wohin der Vater als 18-Jähriger gemusst habe. Dort, wo er lag habe 1941 die Ermordung der Juden von Witebs stattgefunden. Wo er seinen Kameraden im Schnee hatte verbluten sehen und auch selbst getroffen worden sei, wenn auch nicht lebensgefährlich. Er sei der einzige, der hier rauskomme, hatte man ihm auf dem Verbandsplatz gesagt. Witebs sei Chiffre für Geborgenheit und gleichzeitig Chiffre für Mord an einer jüdischen Gemeinde. Es ist die Heimat Chagalls, der seine Erlebnisse später im Bild „Ein Engel über Witebsk“ künstlerisch verarbeitet. Das Bild Chagalls ist zugleich das Trauma des Vaters, der darin nur das Gesicht des schießenden Rotarmisten sehen kann.
Eine besonders witzig erzählte Episode betrifft den Erzähler selbst als Kommunionkind. Des Pastors strenge Vorbereitung auf den entscheidenden Gottesdienst habe dazu geführt, dass nicht nur er, sondern auch die begleitende Lehrerin Angst vor ihm hatte, so dass sie dem Kind, dass plötzlich ein großes Geschäft erledigen musste, in der Hektik nicht mehr erlaubte, die Hosenträger unter der Kutte anzulegen. Da alle auf ihn warteten, solle er die rutschende Hose mit dem Ellebogen festhalten. Das rutschende Kleidungsstück habe ihm natürlich die ganze Feier vermiest. Und auch die Geschenk an diesem Tag seien nicht gerade berauschend gewesen: Hortensien in Blau und Rosa, ein Gebetbuch, ein silberner Serviettenring aber immerhin eine Ausgabe von Huckleberry Finn. Aus den Gratulationskärtchen habe er die Jesus-Bildchen abgezupft und ins Gebetbuch gelegt, zusammen mit Fußballbildchen, die bei der Andacht getauscht wurden. Für Jesus kriegte man nichts getauscht.
Zum Schluss der sehr berührenden Lesung wies Vorstandsmitglied Birgit Sieben-Weuthen noch auf die Bedeutung der Familie als Keimzelle einer funktionierenden Demokratie hin und zitierte dabei aus dem Werk „Du musst dein Leben ändern“ des Philosophen Peter Sloterdijk. In diesem Werk wird die Familie als „erster Senat“ verstanden, der zur Resilienz des Individuums beiträgt, sie sei ein Trainingspfad auf dem Weg zur Selbstbehauptung und damit Grundlage für das Leben in einer demokratischen Gesellschaft.
Quelle:
Bücherkiste Wassenberg
