von Ron Weimann
Heinsberg
21. April 2026
Wenn zwei Jugendliche auf einem E-Scooter über den Gehweg fahren, sind die Urteile oft schnell
gefällt. Rücksichtslos, gefährlich, typisches Problem. Für viele scheint klar, wer im Straßenverkehr
mit den kleinen Rollern negativ auffällt. Kaum ein anderes Verkehrsmittel sorgt immer wieder für
Diskussionen wie der E-Scooter. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte.
Nach aktuellen Daten der Polizei für den Kreis Heinsberg passieren die meisten Unfälle mit
Elektrokleinstfahrzeugen, in der Praxis vor allem E-Scootern, nicht mit Jugendlichen, sondern mit
Erwachsenen. Von 51 Verletzten im Jahr 2025 entfallen 29 auf Volljährige. 21 Betroffene waren
zwischen 25 und 65 Jahren alt, weitere acht zwischen 18 und 25. Jugendliche sind in acht Fällen
betroffen, Kinder in zwölf. Mehr als die Hälfte aller Verunglückten ist damit erwachsen. Der weit
verbreitete Eindruck, vor allem junge Menschen seien das Hauptproblem, wird durch die Statistik
zumindest für den Kreis Heinsberg deutlich relativiert.
Bundesweit zeigt sich eigentlich ein anderes Bild. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes
war 2024 fast jeder zweite bei E-Scooter-Unfällen Verunglückte jünger als 25 Jahre. E-ScooterUnfälle gelten bundesweit vor allem als Großstadtphänomen. Ein großer Teil der registrierten
Unfälle passiert in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern. Dort gehören Leih-Scooter längst
zum Straßenbild.
Auch insgesamt steigen die Zahlen seit Jahren deutlich an. 2021 registrierte die Polizei bundesweit
5.535 Unfälle mit Personenschaden, 2022 waren es 8.443, 2023 bereits 9.425 und 2024 schließlich
11.944. Mit der wachsenden Verbreitung der Fahrzeuge nimmt also auch die Zahl der Unfälle zu.
Ein Vergleich mit normalen Fahrrädern zeigt allerdings auch: E-Scooter sind nicht automatisch das
gefährlichste Verkehrsmittel. Bei Fahrrädern registriert die Polizei bundesweit deutlich mehr
Unfälle mit Verletzten. Das liegt vor allem daran, dass wesentlich mehr Menschen Fahrrad fahren
und deutlich mehr Kilometer zurücklegen. Fahrräder sind im Alltag seit Jahrzehnten etabliert, EScooter dagegen noch vergleichsweise neu. Trotzdem unterscheiden sich die Unfallmuster.
Während Fahrradunfälle häufig im klassischen Straßenverkehr, an Kreuzungen oder im
Zusammenspiel mit Autos passieren, sind bei E-Scootern überdurchschnittlich viele Alleinunfälle
zu beobachten. Hinzu kommt, dass viele Nutzer Gelegenheitsfahrer sind und wenig Routine mit
dem Fahrzeug haben.
Achtung E-Scooter: Die häufigsten Fehler und was wirklich gilt
Viele unterschätzen das Risiko• Die meisten Unfälle sind Alleinunfälle
• Häufige Ursache: Fahrfehler oder Unachtsamkeit
• Kleine Räder reagieren extrem auf Bordsteine, Schlaglöcher und Nässe
Das ist verboten (und passiert trotzdem oft)
• Zu zweit fahren
• Auf dem Gehweg unterwegs sein
• Handy in der Hand benutzen
• Fahren ohne Versicherungsschutz
• Manipulationen am Roller (z. B. schneller machen)
Alkohol? Keine gute Idee
• Gleiche Promillegrenzen wie beim Auto
• Schon geringe Werte können strafbar sein
• Unfallrisiko steigt deutlich
Das wird oft vergessen
• Licht einschalten bei Dunkelheit
• Bremsen vor der Fahrt checken
• Sichtbarkeit im Straßenverkehr
Was die Polizei klar empfiehlt
• Helm tragen – auch wenn keine Pflicht besteht
• Volle Aufmerksamkeit auf den Verkehr
• Beide Hände an den Lenker
Warum Heinsberg vom Bundestrend abweicht, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Eine
plausible Erklärung liegt jedoch in der regionalen Struktur. Anders als in vielen Großstädten gibt es
im Kreis Heinsberg kein flächendeckendes Mietsystem für E-Scooter. Während in Metropolen
häufig junge Menschen spontan Leih-Scooter nutzen, etwa für Freizeitfahrten, den Heimweg nach
dem Feiern oder kurze Wege innerhalb der Innenstadt, dürften in Heinsberg eher private Fahrzeuge
den Alltag prägen. Diese werden häufiger von Erwachsenen genutzt: für den Weg zur Arbeit, zur
Bahn, für Besorgungen oder kurze Fahrten innerhalb der Stadt. Wer häufiger fährt, hat statistisch
auch ein höheres Unfallrisiko.
Auffällig ist zudem, wie viele Unfälle ohne Beteiligung anderer Verkehrsteilnehmer passieren. In 19
Fällen stürzten Fahrerinnen und Fahrer allein. Laut Polizei spielen dabei häufig Handhabungsfehler
eine Rolle. Also Unsicherheiten beim Bremsen, Anfahren, Ausweichen oder beim Überfahren von
Bordsteinkanten und Unebenheiten.
Insgesamt gehen rund 70 Prozent aller registrierten Unfälle auf das Verhalten der Nutzenden selbst
zurück. Das ist ein bemerkenswert hoher Wert und deutet darauf hin, dass viele Risiken nicht im
dichten Verkehr entstehen, sondern durch Fehlbedienung, Unachtsamkeit oder Selbstüberschätzung.
Auch Alkohol spielt eine Rolle. Bei fünf Unfällen stellte die Heinsberger Polizei Alkohol- oder
Drogenkonsum fest. Gerade am Abend oder an Wochenenden ist das bundesweit ein bekanntes
Problemfeld. Vielen ist offenbar nicht bewusst, dass für E-Scooter dieselben Promillegrenzen gelten
wie im Autoverkehr. Daneben registrieren die Beamten immer wieder typische Verstöße: fehlender
Versicherungsschutz, das Fahren mit mehreren Personen auf einem Fahrzeug, technisch
manipulierte Scooter mit höherer Geschwindigkeit oder die Nutzung durch zu junge Fahrerinnen
und Fahrer.
Ganz unkritisch ist die Lage bei Kindern dennoch nicht. Zwölf verletzte Kinder wurden im
laufenden Jahr registriert. Zwei von ihnen waren jünger als 14 Jahre und damit gar nicht berechtigt,
ein entsprechendes Fahrzeug im öffentlichen Straßenverkehr zu fahren. Das gesetzliche
Mindestalter liegt bei 14 Jahren. Viele unterschätzen zudem die Folgen solcher Unfälle.
Medizinische Untersuchungen zeigen, dass bei E-Scooter-Stürzen besonders häufig Kopf, Gesicht,
Arme und Hände verletzt werden. Typisch sind Platzwunden, Knochenbrüche, ausgeschlagene
Zähne oder Gehirnerschütterungen. Gerade weil viele Unfälle Alleinunfälle sind, stürzen Fahrer oft
ungebremst auf Asphalt oder Bordsteinkanten.
Eine gesetzliche Helmpflicht gibt es zwar nicht, Experten und Polizei empfehlen das Tragen eines
Helms jedoch ausdrücklich. Ebenso wichtig sind funktionierende Beleuchtung, gut sichtbare
Kleidung, besonders in der dunklen Jahreszeit, und volle Aufmerksamkeit im Straßenverkehr. Wer
mit Kopfhörern fährt, aufs Handy schaut oder sich ablenken lässt, erhöht das Risiko zusätzlich.
Hinzu kommt: Wer mit einem straßenzugelassenen E-Scooter im öffentlichen Verkehrsraum
unterwegs ist, benötigt eine Haftpflichtversicherung mit gültigem Versicherungskennzeichen.
Vielen Nutzern scheint auch das nicht immer bewusst zu sein. Die Polizei setzt deshalb zunehmend
auf Prävention und Aufklärung. Denn je stärker sich E-Scooter als Verkehrsmittel etablieren, desto
wichtiger werden klare Regeln und ein verantwortungsvoller Umgang. Die vielleicht wichtigste
Erkenntnis bleibt jedoch: Das Problem, über das viele sprechen, sitzt oft nicht dort, wo man es
vermuten würde.
