Ein Kommentar von Ron Weimann
Kriege wirken für viele Menschen lange weit entfernt. Karten, Frontverläufe, diplomatische
Erklärungen. Doch manchmal reicht ein kurzer Blick auf die Preistafel an der Tankstelle,
um zu verstehen, wie nah Weltpolitik tatsächlich ist. Der Konflikt rund um den Iran zeigt
dies, mal wieder, sehr deutlich. Steigende Ölpreise schlagen innerhalb weniger Tage,
teilweise sogar innerhalb von Stunden auf den Spritpreis durch. Für Millionen Autofahrer
wird ein geopolitischer Konflikt zur ganz persönlichen Rechnung im Alltag. Ein besonders
bitterer Punkt kommt hinzu. Viele Autofahrer fragen sich zu Recht, warum der Preis an der
Tankstelle oft sofort steigt, obwohl die Tanks der Mineralölkonzerne noch mit günstiger
eingekauftem Kraftstoff gefüllt sind.
Die Antwort ist ernüchternd. Konzerne kalkulieren ihre Preise nicht nach dem
Einkaufspreis des vorhandenen Bestands, sondern nach dem Preis, zu dem sie den
nächsten Tankwagen füllen müssen. Steigt der Ölpreis an den Weltmärkten, steigt deshalb
häufig auch sofort der Preis an der Zapfsäule. Nicht weil der Sprit bereits teurer eingekauft
wurde, sondern weil er künftig teurer sein könnte. Ökonomisch lässt sich dieses Prinzip
erklären. Für Verbraucher wirkt es dennoch wie eine Einbahnstraße. Preise schnellen
nach oben, sobald sich eine Krise abzeichnet. Fallen die Ölpreise wieder, sinken die
Spritpreise oft deutlich langsamer.
Ökonomen nennen das den Raketen-und-FedernEffekt: schnell rauf, träge runter.
Aber genau hier beginnt auch politische Verantwortung. Wenn wenige große Konzerne
einen so zentralen Markt dominieren, reicht der Hinweis auf den Weltmarkt allein nicht
aus. Transparenz, wirksame Kartellaufsicht und echter Wettbewerb sind notwendig, damit
Preissignale nicht nur in eine Richtung funktionieren. Die reflexhafte Forderung nach einer
Spritpreisbremse passt dennoch in das bekannte Muster. Sie klingt nach entschlossenem
Handeln, ist aber vor allem Symbolpolitik. Der Staat drückt kurzfristig auf den Preis,
während das eigentliche Problem bestehen bleibt. Eine Wirtschaft, die auf Öl angewiesen
ist, bleibt abhängig von Krisenregionen und globalen Preissprüngen.
Natürlich reagieren Energiemärkte empfindlich auf Krisen im Nahen Osten. Die Region
bleibt eine der wichtigsten Ölquellen der Welt. Schon die Gefahr einer militärischen
Eskalation reicht aus, um Händler nervös zu machen und Preise nach oben zu treiben.
Doch wer steigende Spritpreise allein mit dem Weltmarkt erklärt, verschweigt eine
unbequeme Wahrheit. Denn die Zapfsäulen lügt nicht. Sie zeigen vor allem, wie abhängig
Deutschland noch immer von fossilen Energien ist.
Seit Jahren ist bekannt, wie verwundbar diese Abhängigkeit macht. Jeder Konflikt in einer
Förderregion, jede politische Krise entlang wichtiger Handelsrouten kann die Preise
innerhalb kürzester Zeit nach oben treiben. Trotzdem wird in Deutschland regelmäßig so
getan, als käme jede neue Preiswelle überraschend. Gerade deshalb ist der Ausbau
erneuerbarer Energien weit mehr als eine klimapolitische Frage. Er ist eine Frage
politischer und wirtschaftlicher Selbstbestimmung. Jede Kilowattstunde aus Wind und
Sonne reduziert die Macht internationaler Ölpreise über den deutschen Alltag. Jede
Investition in alternative Antriebe macht Deutschland ein Stück unabhängiger von
Konflikten in fernen Regionen. Es ist Aufgabe der Politik, aber auch der Energiewirtschaft,
diese Wende nicht aufzuschieben. Umso erstaunlicher ist es, wenn ausgerechnet jetzt
wieder laut über eine stärkere Rückkehr zu fossilen Energien gesprochen wird. Teile der
CDU argumentieren inzwischen offen, Deutschland habe sich zu schnell von klassischen
Energieträgern verabschiedet. Doch diese Logik führt genau in die Sackgasse, die sich
gerade an der Zapfsäule zeigt. Mehr fossile Energie bedeutet nicht mehr Sicherheit. Sie
bedeutet mehr Abhängigkeit. Mehr Preisschocks. Mehr Krisen, die direkt im Geldbeutel
der Menschen ankommen.
Der Irankonflikt ist deshalb nicht nur eine außenpolitische Krise. Er ist auch ein politischer
Realitätscheck für die deutsche Energiepolitik. Wer heute noch glaubt, fossile Energien
könnten Stabilität garantieren, muss nur auf die Preistafel der nächsten Tankstelle
schauen. Denn die Wahrheit steht dort jeden Tag in großen Zahlen. Jede verpasste
Investition heute bedeutet die nächste Krise an der Zapfsäule morgen.
