Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Jedes Jahr im Spätwinter, kurz vor dem 1. März, sind vielerorts verstärkt Motorsägen zu hören. Bäume werden gefällt, Hecken radikal zurückgeschnitten, Feld- und Waldränder geschreddert. Hintergrund ist das Bundesnaturschutzgesetz: Ab dem 1. März beginnt die Brut- und Setzzeit, in der stärkere Eingriffe in Gehölzbestände grundsätzlich verboten sind. Was rechtlich zulässig ist, wird deshalb häufig noch „auf den letzten Drücker“ erledigt.
Naturschützer beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Denn auch wenn die Maßnahmen formal im erlaubten Zeitraum stattfinden, geraten zahlreiche Wildtiere in akute Gefahr – insbesondere jene, die im Verborgenen leben oder sich noch im Winterschlaf befinden.
Unsichtbare Opfer im Dickicht
Während bei Rodungen meist an brütende Vögel gedacht wird, geraten andere Arten leicht aus dem Blick. Der Igel überwintert gut versteckt unter Laub- und Reisighaufen. Auch die Erdkröte und der Grasfrosch suchen frostfreie Nischen im Boden, unter Wurzeln oder in Kompost- und Holzhaufen. Werden diese Bereiche mit schwerem Gerät überfahren oder geschreddert, haben die Tiere keine Chance zu fliehen.
In Baumhöhlen wiederum können noch schlafende Haselmäuse oder Fledermäuse überwintern. Gerade alte, höhlenreiche Bäume sind ökologisch besonders wertvoll – und zugleich begehrtes Holz.
Viele dieser Tiere reagieren bei niedrigen Temperaturen kaum auf Störungen. Ihr Stoffwechsel ist heruntergefahren, sie verharren in einer Art Energiesparmodus. Kommt dann ein Harvester oder Mulcher zum Einsatz, bleibt ihnen keine Möglichkeit zur Flucht.
Ehrenamt trifft Forstwirtschaft
Parallel zu den forstwirtschaftlichen Arbeiten engagieren sich vielerorts Ehrenamtliche für verletzte oder verwaiste Wildtiere. Sie päppeln geschwächte Igel, bringen verletzte Vögel zum Tierarzt, pflegen Fledermäuse gesund – meist in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten.
Der Kontrast ist deutlich: Hier Menschen, die mühsam einzelne Tiere retten. Dort schwere Maschinen, die Schneisen schlagen, um an wirtschaftlich nutzbares Holz zu gelangen. Um Harvester und Rückefahrzeuge einsetzen zu können, werden häufig ganze Saumstrukturen entfernt – Lebensräume, die als Rückzugsorte für zahlreiche Arten dienen.
Zwar betonen Forstbetriebe, dass sie gesetzliche Vorgaben einhalten und ökologische Aspekte berücksichtigen. Doch in der Praxis, so berichten Tierschützer, werde selten systematisch vorab nach schlafenden oder nistenden Tieren gesucht. Nach größeren Eingriffen finden Helfer im Dickicht immer wieder tote oder schwer verletzte Tiere, die sie anschließend versorgen – oder nur noch von ihrem Leid erlösen können.
Eine Wildtierpflegerin aus der Region bringt es nüchtern auf den Punkt:
„Wir retten im Frühjahr die, die den Winter überlebt haben – und finden gleichzeitig jene, die bei den letzten Rodungen keine Chance hatten. Es würde so viel helfen, wenn vor dem Fällen und Schreddern einmal bewusst hingeschaut würde.“
Rechtlich erlaubt – ökologisch problematisch?
Das Bundesnaturschutzgesetz untersagt zwischen dem 1. März und 30. September grundsätzlich das starke Zurückschneiden oder Entfernen von Gehölzen, um brütende Vögel zu schützen. Außerhalb dieses Zeitraums sind umfangreichere Maßnahmen zulässig.
Doch der gesetzliche Rahmen orientiert sich vor allem an der Vogelbrutzeit. Winterschlaf und Winterruhe vieler Säugetiere und Amphibien spielen im öffentlichen Bewusstsein eine geringere Rolle. Hinzu kommt der Klimawandel: Milde Winter verschieben Aktivitätsphasen, manche Tiere sind früher unterwegs – oder liegen noch verborgen, wenn die Kalenderfrist endet.
Rechtlich zulässig bedeutet deshalb nicht automatisch ökologisch unproblematisch.
Auch im Privatgarten beginnt Naturschutz
Nicht nur in Wäldern und auf Feldern entscheidet sich das Schicksal vieler Tiere. Auch in privaten Gärten beginnt im Spätwinter der „Frühjahrsputz“. Hecken werden geschnitten, Stauden radikal zurückgenommen, Laub entfernt, alte Reisighaufen entsorgt.
Gerade dort aber finden zahlreiche Wildtiere Unterschlupf.
Was Gartenbesitzer beachten sollten:
Laub- und Reisighaufen erst kontrollieren: Unter einem vermeintlich unordentlichen Haufen könnte ein schlafender Igel liegen. Vor dem Umsetzen vorsichtig mit Handschuhen prüfen – niemals unbedacht hineinstechen.
Hecken vor dem Schnitt absuchen: Schon im Februar beginnen einige Vögel mit der Revierbildung. Ein prüfender Blick ins Geäst verhindert die Zerstörung früher Nester.
Stauden stehen lassen: Trockene Pflanzenstängel bieten Insekten Überwinterungsplätze. Ein gestaffelter Rückschnitt erhält Struktur und Nahrung.
Kompost vorsichtig umsetzen: Amphibien nutzen ihn als frostfreien Rückzugsort.
Nicht alles „aufräumen“: Ein naturnaher Garten mit Totholz, wilden Ecken und dichtem Bewuchs ist kein Zeichen von Nachlässigkeit, sondern aktiver Artenschutz.
Oft sind es kleine Handlungen, die große Wirkung entfalten.
Ein Moment der Aufmerksamkeit
Holz ist ein wichtiger Rohstoff, Wege müssen gepflegt, Gärten gestaltet werden. Doch zwischen wirtschaftlichem Interesse, Ordnungssinn und Artenschutz braucht es Augenmaß.
Vielleicht braucht es keinen neuen Paragrafen, sondern ein neues Bewusstsein. Ein paar Minuten Aufmerksamkeit vor dem Schnitt, ein prüfender Blick ins Geäst, ein vorsichtig angehobener Laubhaufen – manchmal entscheidet genau das über Leben und Tod.
Oder, wie es eine ehrenamtliche Helferin formuliert:
„Naturschutz beginnt nicht im Nationalpark, sondern vor der eigenen Haustür. Wer im Februar zur Säge greift, sollte wissen: Unter jedem Laubhaufen könnte ein Herz schlagen.“
Text und Fotos
Antonia Greco
