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Wer soll das eigentlich noch leisten?

Ein Kommentar von Ron Weimann

Der Kreis Heinsberg ist älter als viele andere Regionen in Nordrhein-Westfalen. Das ist kein
gefühlter Eindruck, sondern statistisch belegbar. Der Anteil älterer Menschen und der
Pflegebedürftigen liegt hier deutlich über dem Landesdurchschnitt. Pflege ist deshalb kein
abstraktes Zukunftsthema, sondern Teil des Alltags, in Familien, in Nachbarschaften, in Betrieben.
Umso irritierender ist eine politische Rhetorik, die derzeit mit bemerkenswerter Leichtigkeit
vorgetragen wird. Wir müssten mehr arbeiten, heißt es aus dem Bundeswirtschaftsministerium in
Berlin. Längere Arbeitstage, flexiblere Wochenarbeitszeiten und weniger Schutzgrenzen sollen das
Land wieder leistungsfähiger machen. Gesagt wird das meist von Menschen, deren Arbeitsalltag
wenig mit Schichtdienst, Pflege oder familiärer Verantwortung zu tun hat. Die Frage bleibt: Wer
genau soll dieses Mehr eigentlich leisten?

Dass diese Debatte längst kein theoretischer Streit mehr ist, zeigt der wachsende Widerstand aus
den Betrieben. Mehrere Gewerkschaften haben Proteste gegen die Pläne der Bundesregierung
angekündigt, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden zugunsten einer reinen
Wochenregelung aufzuweichen. Der Verdi-Chef Frank Werneke spricht von einem Freibrief für
Arbeitgeber, aus ihren Beschäftigten das Letzte herauszuholen, ohne Rücksicht auf die Gesundheit.
Wenn Gewerkschaften ankündigen, wieder auf der Straße und in den Betrieben zu mobilisieren,
dann ist das kein Alarmismus, sondern ein Warnsignal.

Im Kreis Heinsberg sind mehr als 28.000 Menschen pflegebedürftig. Rund 90 Prozent von ihnen
werden zu Hause versorgt. Etwa 19.000 Pflegebedürftige leben dabei überwiegend von der
Unterstützung durch Angehörige, organisiert im Privaten, oft neben einer regulären Erwerbsarbeit.
Was dabei häufig übersehen wird: Diese familiäre Pflege ist keine bezahlte Leistung, sondern
ehrenamtliche Arbeit. Sie wird weder als Erwerbsarbeit anerkannt noch als solche abgesichert,
obwohl sie täglich Zeit, Kraft und Verantwortung bindet. Zwar gibt es für pflegende Angehörige
eine begrenzte rentenrechtliche Absicherung, sie gleicht jedoch weder Einkommensverluste noch
die langfristigen Folgen der Pflegearbeit annähernd aus. Pflege findet hier nicht in politischen
Reden statt, sondern abends, nachts und am Wochenende.

Diese Pflegearbeit leisten überwiegend Frauen. Sie halten Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und die
Versorgung älterer Familienmitglieder gleichzeitig zusammen. Wer in solchen Lebensrealitäten lebt,
arbeitet nicht zu wenig. Er arbeitet zu viel. Ein erheblicher Teil davon taucht in keiner Statistik auf.
Wenn von Arbeitszeitreserven gesprochen wird, sind oft genau diese Frauen gemeint.
In diesen Haushalten geht es nicht um Work-Life-Balance. Es geht um Durchhalten. Um das
tägliche Überschreiten der eigenen Belastungsgrenzen, weil es sonst niemand tut. Wer hier pauschal
mehr Arbeitszeit fordert, müsste erklären, welche Verantwortung dafür fallen gelassen werden soll,
die für Kinder, für Eltern oder für die eigene Gesundheit.

Auch die professionelle Pflege steht unter massivem Druck. Schichtdienste, körperliche Belastung
und emotionale Daueranspannung prägen den Alltag. Auch hier sind es überwiegend Frauen, die
das System tragen. Klare Arbeitszeitgrenzen sind kein Privileg, sondern die Voraussetzung dafür,
dass Pflege verantwortungsvoll und sicher geleistet werden kann. Wer diese Grenzen lockert,
gefährdet nicht nur die Gesundheit der Beschäftigten, sondern auch die Sicherheit der Patientinnen
und Patienten. Übermüdete Pflege ist kein Kollateralschaden, sondern ein reales Risiko.
Hinzu kommt eine weitere Gruppe, die in der Arbeitszeitdebatte auffällig selten vorkommt.
Beschäftigte in Dienstleistungsberufen mit wenig Spielraum. Verkauf, Reinigung, Logistik und
Gastronomie stehen für Schichtarbeit, Teilzeit, geringe Löhne und kaum Einfluss auf Dienstpläne.
Auch hier überwiegend Frauen. Für sie bedeutet Flexibilisierung nicht Freiheit, sondern
Abrufbarkeit. Wer hier mehr Arbeit fordert, fordert mehr Belastung und verschiebt sie konsequent
nach unten.

Die Forderung nach mehr Arbeit verkennt diese Realität nicht zufällig. Sie blendet sie aus. Denn sie
passt nicht zum Bild einer Gesellschaft, in der angeblich nur der Wille fehlt. Tatsächlich fehlt etwas
anderes. Ehrlichkeit darüber, wer längst über seine Grenzen geht und wer davon profitiert, dass es
trotzdem funktioniert.

Dabei ist längst klar: Würde die familiäre Pflege auch nur teilweise wegfallen, wäre das System
nicht zu halten. Es fehlen Heimplätze, es fehlt Personal und die Kosten wären immens. Dass es
dennoch läuft, liegt nicht an kluger Steuerung, sondern an stiller, ehrenamtlicher Mehrarbeit im
Privaten.

Arbeitszeitpolitik, die diese Realität ignoriert, ist keine Reform, sondern eine Zumutung. Regionen
wie der Kreis Heinsberg zeigen das besonders deutlich. Hier wird nicht zu wenig gearbeitet. Hier
wird bereits mehr geleistet, als politisch eingefordert werden dürfte. Wer wirklich entlasten will,
müsste über Arbeitszeitverkürzung, Pflegeunterstützung und eine faire Finanzierung sprechen.

Foto / Bericht:
Ron Weimann

By CUH