Es sind diese Tage, an denen sich die Kommentarspalten fast von selbst füllen. Ein bisschen
Schnee, ein paar glatte Straßen und schon steht die große Frage im Raum:
„Warum wird hier nicht gestreut???“ Fast zeitgleich liest man dann Sätze wie: „Wie haben wir bloß
die 70er und 80er überlebt?“
Beides wirkt widersprüchlich, ist aber in Wahrheit zwei Seiten derselben Medaille. Denn wir
schwanken auffällig zwischen maximaler Absicherung und nostalgischer Verklärung einer Zeit, in
der vieles rauer, unbequemer und schlicht weniger geregelt war. Dabei kam der Winter diesmal
nicht überraschend. Es gab Prognosen. Es gab Vorwarnungen. Und ja, sogar NINA, die offizielle
Warn-App des Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, hat heute
unmissverständlich auf die kommende Gefahr hingewiesen. Mehr staatliche Fürsorge geht
eigentlich kaum. Und trotzdem folgt die Empörung. Warum nicht überall gestreut wurde. Warum
Schulen schließen. Warum Vorsicht Konsequenzen hat. Warum das Leben nicht einfach reibungslos
weiterläuft.
Vielleicht liegt das Problem tiefer. Vielleicht haben wir es mit einer Form von
„Wohlstandsverwahrlosung“ zu tun. Das Wort klingt hart. Ist es auch. Aber es beschreibt ziemlich
genau, was passiert, wenn eine Gesellschaft sich so sehr an Sicherheit, Komfort und permanente
Verfügbarkeit gewöhnt hat, dass selbst kleinste Einschränkungen als Zumutung empfunden werden.
Wir leben in einem Land mit funktionierenden Warnsystemen, guter Infrastruktur und einem hohen
Maß an Organisation. Risiken werden früh kommuniziert, Verantwortung wird verteilt, Gefahren
minimiert. Und doch scheint der Anspruch zu wachsen, dass bitte alles abgesichert sein muss.
Immer. Überall. Und ohne eigenes Zutun.
Früher war nicht alles besser. Aber früher war klarer, dass ein Wintertag kein Versprechen auf
Normalbetrieb ist. Dass man bei Glätte langsamer fährt, Wege meidet oder eben auch mal zu Hause
bleibt. Eigenverantwortung war kein politisches Schlagwort, sondern Alltag. Heute hingegen
scheint jede Warnung nur dann akzeptabel zu sein, wenn sie keinerlei Auswirkungen auf uns hat.
Bitte warnen, aber bitte so, dass Schule, Arbeit und Termine unbeeinträchtigt bleiben. Bitte
vorsorgen, aber bitte ohne persönliche Konsequenzen.
Vorsicht ist richtig. Schulschließungen können sinnvoll sein. Warn-Apps sind wichtig.
Doch wenn trotz all dieser Maßnahmen die Empörung größer ist als die Bereitschaft, sich selbst
anzupassen, dann läuft etwas schief. „Wohlstandsverwahrlosung“ bedeutet nicht, dass wir zurück in
die 80er oder 70er müssen. Sie bedeutet, dass wir uns fragen sollten, ob wir mit wachsendem
Komfort nicht auch ein Stück Resilienz verloren haben. Ob wir verlernt haben, Unannehmlichkeiten
auszuhalten, ohne sofort Schuldige zu suchen.
Der Winter ist keine Krise. Glatteis ist kein Skandal. Und eine Warnung ist kein Versprechen auf
Gefahrlosigkeit. NINA hat gewarnt. Der Schnee und das Glatteis kamen nicht aus dem Nichts.
Vielleicht ist es an der Zeit, wieder ein bisschen mehr Verantwortung bei uns selbst zu suchen.
Das wäre bei allem Wohlstand ein echter Fortschritt. Kommt gut durch den Winter, es wird glatt.
