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Heike Dahlmanns und die Frauenfolkgruppe Fallalei auf Einladung der Bücherkiste im Naturparktor
Zwischen „Selfkant und Berlin“, „Mann und Frau“, „Tier und Mensch“, „Politik und Gesellschaft“, „Kunst und Fälschung“ pendelten Heike Dahlmanns Gedichte und Kurzgeschichten hin und her, eingerahmt von klassischen und folkloristischen Stücken der Frauenfolk-Gruppe Fallalei und vor einem voll besetzten Naturparktor.

Die bekennende „konservativ-feministische“ Autorin, in der Politik keine Unbekannte, machte schnell klar: Emanzipation ja, aber ohne Gendern. Sie nahm auch sonst kein Blatt vor den Mund und teilte witzig pointiert nach rechts wie links, gegen jung wie alt , Frau wie Mann aus, nahm aber auch sich selbst und ihre Familie, stellvertretender Landrat Erwin Dahlmanns saß lachend im Publikum, ironisch aufs Korn.

Mit dem Gedicht „In memoriam Anna Storms“ führte sie in das arbeitsreiche Alltagsleben und den Selfkänter Dialekt ein, den sie mühsam hatte lernen müssen. Ausdrücke wie „Bu‘ene jeplocht“ (Bohnen gepflückt) mussten selbst für Wassenberger Urgesteine erst einmal übersetzt werden. Dahlmanns Sprach- und Wortwitz ergoss sich über ernste wie heitere Themen. Sie forderte mit Blick auf die Begleitmusikerinnen im Hintergrund auf, Krieg und Gewalt zu beenden und den Kontrabass einzusetzen gegen Rassenhass, denn „wenn die große Masse stille hält und schweigt, hat man‘s am Ende vergeigt“. Auch Mensch-Tier-Assoziationen mussten herhalten, um Kritik an staatlichem Handeln zu äußern, wie das legendäre Dob-Rindt, das uns ein millionenteures Maut-Ei gelegt hat.

Dahlmanns spießt auf, was ihr privat und politisch in die Quere kommt: vom Ampel-Aus über die kleine Groko („Kann sie’s?“) bis hin zu verrückten Ideen grüner Parlamentarierinnen zur Zähmung des rauen Tons im Bundestag. Statt „Bundestagspoetin“ wolle sie lieber Prophetin sein, denn auf die Bundespolitik ließe sich kein Reim machen. Selbst der Heilige Abend war der Autorin nicht heilig, denn „da gibt es Weihnachtsbäume in 3D , da gibt es Googlehupf, den man nicht essen kann, da macht man Windows auf, wenn’s langweilig wird und da befragt man die Geschenke-App statt seine Empathie zu nutzen“.
„Sagen Sie mal einen Satz mit Malediven!“, wurde im zweiten Lyrikblock das Publikum zum Mitmachen animiert beim Spiel mit der Homophonie. Was passte da besser als der Satz: „Der Kunstprofessor sprach zu Steven: Nun gehe hin und male Diven“? Solche Spiele machen süchtig, bekannte die Autorin lachend, ebenso, wie Rätselfragen folgender Art: „Welches kulinarische Gericht fällt Ihnen ein, wenn Sie den Ausdruck „Fußballschuhe Jesu“ hören? Natürlich „Christstollen“.

Eine Lachnummer war auch der Dialog zwischen einer sächsischen Kellnerin und einem Selfkänter, der in einem Heinsberger Restaurant ein Botterrämmke bestellt mit Siepnaat, Gouda und zwei Spiegeleiern on top. Am Ende wird es die „Westzipfelschnitte vital mit Friesenhuhn“, die mit geplatzten Eidottern serviert wird. Reklamation? Nein! Das seien doch frei laufende Dotter von freilaufenden Hühnern.

Ein Griff in die Märchenkiste strapazierte ebenfalls die Lachmuskeln, denn weiter ging es mit dem „Suppenkevin“, der so lange Fastfood und Schokolade statt Suppe(fr) isst, dass er am Ende platzt oder „Hänsel und Gretel 2020“, die das Knusperhäuschen via Handy finden und wo die Hexe an zu hohem Blutdruck stirbt, statt an der Rache der Kinder. Als „immigrierte“ Gangelterin spielten clevere Gänse natürlich bei Heike Dahlmanns eine Rolle (siehe „Gangelter Muhrepenn“), so auch die privatversicherten Martinsgänse, die sich einer teuren Schönheitsoperation unterziehen und rank und schlank dem Schlachtmesser entkommen.
Alles reize sie zum Dichten, ständig liege ein Notizblock auf ihren Knien, erzählt Dahlmanns. Selbst der Anblick von Bauhofarbeiter an einem Kreisverkehr, habe sie angeregt, Goethes Erlkönig zu parodieren. Bei ihr sind es Vater Zünzler und sein Sohn, die sich nicht nur bei Nacht und Wind in Windeseile durch einen Buxbaum fressen, wobei der Vater dem Sohn empfiehlt, die giftigen Sprühnebel der Bauhofarbeiter zu ignorieren, weil sie dem Zünzler nicht schaden. Am Ende ist dann nicht der kleine Zünzler, sondern der Buxbaum tot.

Und weiter ging es mit dem Allzumenschlichen und Allzutierischen. Fragen über Fragen tauchten im Verlauf des Abends auf: Soll man Cat-Calling unter Strafe stellen oder besser lächerlich machen? Warum erhalten verletzte Igel keine IGEL-Leistung? Was ist mit dem Kofferwort Mansplaining gemeint und wie kann man den männlichen Besserwisser eines Besseren belehren? Was wünschen Frauen sich vom Mann und umgekehrt? Die Antworten sind gesalzen und gepfeffert, denn Dahlmanns macht „Lyrik ohne Puderzucker“, und die Zuhörer (nein, es wird jetzt nicht gegendert!) geben am Ende den verdienten Applaus, genau so kräftig auch für die Musikerinnen von Fallalei, die zur Lyrik, nicht nur als Beilage, ein reiches musikalisches Repertoire geboten hatten von Vivaldis Weihnachtspastorale über Bachs kleine Suite, Gilles Chabenats Mazurka bis hin zu jiddischen Songs. Ein gelungener Abend. Am 28. Januar geht es weiter mit dem Umweltroman „Erdrutsch“ von Spinnen und Wolkenstein.

Quelle: Irmgard Stieding

By CUH