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Begrüßung unter Tage
„Glück auf!“ Mit diesem traditionellen Gruß der Bergleute, wurden die Jugendlichen der offenen
Jugendeinrichtung von dem pensionierten Kumpel Peter te Marfelde im Besucherbergwerk SophiaJacoba empfangen. Schon dieser Auftakt setzte den Ton: Hier ging es nicht um trockene
Geschichtsstunden, sondern um gelebte Erinnerung und eine Kultur, die die Region über
Generationen geprägt hat.

Das Leben unter Tage
Die Zeche Sophia-Jacoba in Hückelhoven-Ratheim, einst modernste Steinkohlenzeche Europas,
steht für harte Arbeit, Gemeinschaft und Risiken. Peter te Marfelde berichtete von Schichten, die
schon im Morgengrauen begannen, vom Dröhnen der Maschinen, der Kameradschaft unter den
Kumpeln – und von den Gefahren und gesundheitlichen Belastungen, die viele Bergleute ein Leben
lang begleiteten. Jeder musste sich auf den anderen verlassen können. In der Dunkelheit, in der
Enge, bei der ständigen Gefahr von Unglücken war dieses Vertrauen nicht bloß Kollegialität,
sondern ein Band, das Leben rettete. Jeder Handgriff musste sitzen, jeder Fehler konnte Leben
kosten. Kameradschaft war deshalb weit mehr als Freundschaft – sie war Überlebensgarantie. „Man
musste sich blind auf den anderen verlassen können“, so beschrieb es Peter te Marfelde. Diese enge
Verbundenheit unter Tage prägte viele Bergleute für ihr ganzes Leben. Die Jugendlichen hörten
gebannt zu. Plötzlich wurde Geschichte spürbar, nah und menschlich. Im Besucherbergwerk des
Museums konnten die Teilnehmenden die Erzählungen hautnah erleben. Mit Helmen ausgestattet
krochen sie durch enge Gänge und spürten, wie bedrückend und herausfordernd die Arbeit unter
Tage gewesen sein musste.

Bergbau an der Oberfläche
Doch der Blick ging nicht nur nach unten. Auf der Halde Hückelhoven diskutierten die
Jugendlichen, wie der Bergbau Landschaften verändert hat und welche Spuren er in Gesellschaft
und Umwelt hinterlässt. Im Energeticon in Alsdorf verknüpften sie die Geschichte der Grube Anna
II mit heutigen Fragen der Energiegewinnung. In Ausstellungsbereichen und Show-Tunneln wurde
der Alltag der Bergleute lebendig, während gleichzeitig deutlich wurde, wie sehr sich unsere
Energiefragen gewandelt haben.
Ein weiterer Perspektivwechsel führte die Projektwoche an die Oberfläche – zum Skywalk
Garzweiler. Von der Plattform aus eröffnet sich ein Blick auf eine Landschaft, die von der
Braunkohle geprägt ist. Anders als in den Schächten von Hückelhoven oder Alsdorf, wo Steinkohle
mit klassischem Bergbau unter Tage gewonnen wurde, zeigt sich hier eine völlig andere Dimension:
Ein Tagebau, der ganze Dörfer verschwinden ließ und dessen Schaufelradbagger zu den größten
Maschinen der Welt zählen. Dort, wo einst Häuser, Felder und Kirchen standen, klafft heute eine
gigantische Grube. Für die Jugendlichen wurde hier deutlich, dass Bergbau nicht nur harte Arbeit
im Dunkeln bedeutete, sondern auch gewaltige Eingriffe in Landschaft und Lebensräume an der
Oberfläche.

Reflexion und Austausch
Nach jedem Besuch nahmen sich die Jugendlichen Zeit, um das Erlebte miteinander zu besprechen.
Eindrücke wurden diskutiert, Gedanken aufgeschrieben, kleine Skizzen angefertigt. Dieser Prozess
half ihnen, die Fülle an Informationen und Emotionen zu ordnen. Was anfangs wie einzelne
Puzzleteile wirkte – Geschichten der Kumpel, Landschaften, Maschinen, soziale Folgen – fügte sich
nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Diese Reflexionen waren nicht nur Nachbereitung,
sondern zugleich der Nährboden für das künstlerische Arbeiten: Aus den Notizen und Gesprächen
entstanden die Ideen und Motive, die später auf den Leinwänden sichtbar wurden.

Kunst als Erinnerung
All diese Eindrücke wurden in der OASE 2.0 künstlerisch verarbeitet. Gemeinsam mit dem GraffitiKünstler Andreas Valiotis sammelten die Jugendlichen Ideen, experimentierten mit Farben und
Spraytechniken, entwickelten Skizzen und setzten ihre Erlebnisse Schritt für Schritt auf große
Leinwände um. Kreativität bedeutete dabei nicht nur Gestaltung, sondern auch Auseinandersetzung
mit dem Gesehenen, Gehörten und Gefühlten.
Am Ende der Woche entstand ein dreiteiliges Graffiti, das die Bergbaukultur in ihrer
Vielschichtigkeit sichtbar macht: Links die Botschaft „Leben gegen Kohle“ – ein Zeichen für die
Spannungen zwischen Arbeit, Gesundheit und persönlichem Leben. In der Mitte Fördergerüst,
Grubenlok und der Bergmannsgruß „Glück auf“ – Symbole für Tradition und Identität. Rechts
schließlich das Porträt eines Bergmanns, dessen Blick nach oben gerichtet ist: ernst, nachdenklich,
aber voller Hoffnung.
„Kunst kann Geschichten bewahren, wo Worte manchmal nicht ausreichen“, sagte Andreas Valiotis.
„Die Jugendlichen haben mit diesem Werk nicht nur Eindrücke verarbeitet, sondern etwas
Bleibendes geschaffen.“
Auch Timo Farin, Sozialarbeiter und Leiter der OASE 2.0, zeigte sich bewegt: „Diese Projektwoche
hat eindrücklich gezeigt, wie lebendig Kultur sein kann, wenn junge Menschen Geschichte nicht
nur hören und fühlen, sondern selbst künstlerisch gestalten. Das ist Kulturrucksack im besten
Sinne.“

Bericht: Ron Weimann
Fotos: Ron Weimann und Timo Farin

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