Eine Reportage von Ron Weimann
Ich hebe die Kamera und richte sie auf Jennys Kinder. Sie stehen am Rand des Ballettsaals, ein
wenig nervös, ein wenig aufgeregt. Die Musik beginnt, und sie bewegen sich vorsichtig, dann
immer sicherer. Ihre Freude erfüllt den Raum – eine kleine Oase in einer Welt, die sie oft
ausschließt. Doch dieser Ballettkurs ist kein Zeichen der echten Teilhabe, sondern eher ein stilles
Eingeständnis: Diese Kinder, Roma-Kinder und Kinder mit Beeinträchtigungen, sind noch immer
am Rand der Gesellschaft.
„Warum können sie nicht einfach in den regulären Kurs?“ frage ich die Sozialarbeiterin auf dem
Weg zum Ballettunterricht. Ihre Antwort ist ernüchternd: „Die anderen Eltern und Trainer haben es
abgelehnt. Zu viel Vorurteil, zu viel Rassismus.“ Diese Kinder wurden zu einem Problem erklärt,
bevor sie überhaupt die Chance hatten, zu zeigen, was sie können. Sie wissen, dass sie
ausgeschlossen wurden. Auch wenn Jenny und ihr Team alles tun, um ihnen einen sicheren Raum
zu schaffen, spüren sie den Stempel der Ablehnung. Es blieb nur diese separate Lösung – ein
eigenes Inklusionsprojekt, einzigartig in Sibiu und vielleicht in ganz Rumänien.
Jenny erzählt mir von den tief verwurzelten Vorurteilen, die Roma und Kinder mit
Beeinträchtigungen in der Gesellschaft erfahren müssen. Diese Vorurteile sind nicht nur ein Spiegel
der Gegenwart, sondern auch ein Echo der langen und gewaltvollen Geschichte der
Marginalisierung, die die Roma seit Jahrhunderten begleitet.
Die Roma, eine ethnische Minderheit, sind in vielen Teilen Europas noch immer mit schwerer
Diskriminierung konfrontiert. Ihre Geschichte ist eine Geschichte von Ausgrenzung, die bis in die
Zeit der Sklaverei in Rumänien zurückreicht, und noch immer sind viele Roma von sozialer
Teilhabe ausgeschlossen. Auch nach dem Ende der kommunistischen Ära und dem Übergang zur
Demokratie sind sie nicht in die Gesellschaft integriert worden. Diese historische Marginalisierung
hat tiefe Spuren hinterlassen: Armut, geringe Bildungschancen und eine ständige Benachteiligung
im Arbeitsmarkt sind nur einige der Auswirkungen. Und so wie diese Kinder von der Gesellschaft
ausgeschlossen werden, leben auch viele Erwachsene am Rand der Existenz.
Während ich durch den Sucher meiner Kamera blicke, sehe ich die Freude der Kinder. Trotz allem
sind sie voller Leben, konzentrieren sich auf ihre Bewegungen, lachen, wenn sie ihre Schritte
richtig machen. Doch auch dieser Raum, so hell er heute scheint, zeigt den Widerschein der sozialen
Realität in einer Gesellschaft, die sich immer noch schwer damit tut, wirklich alle willkommen zu
heißen. Diese Kinder dürfen hier tanzen, aber nur, weil ihnen der Platz in den regulären Klassen
verweigert wurde. Sie sind von der breiten Gesellschaft ausgeschlossen, nicht weil sie es wollen,
sondern weil sie Roma sind oder weil ihre Beeinträchtigungen eine Barriere darstellen. Dieses
Projekt ist ein Zeichen der Hoffnung, aber auch ein trauriger Beweis für die Ausgrenzung, die
weiterhin stattfindet. Es zeigt, dass Teilhabe immer wieder erkämpft werden muss – ein Kampf, den
diese Kinder zu jung führen müssen, aber auch einer, der sie nicht brechen darf.
Lernen, um zu helfen
Am nächsten Tag begleite ich Michael Dohmen, einen Förderschulrektor und erfahrenen
Notfallseelsorger, bei einem Schulungstag für die Mitarbeitenden der Kinderhilfe für Siebenbürgen
e.V. Jenny Rasche übersetzt seine Ausführungen, um sicherzustellen, dass die Mitarbeitenden die
Inhalte nicht nur verstehen, sondern sie auch nahtlos in ihre tägliche Arbeit integrieren können. Der
Raum ist bis auf den letzten Platz gefüllt, und die Atmosphäre ist geprägt von einer konzentrierten
Neugier. Michael beginnt mit einer grundlegenden Einführung: Wie erleben autistische oder
traumatisierte Kinder ihre Umwelt? Seine Erklärungen basieren auf aktuellen wissenschaftlichen
Erkenntnissen aus der Entwicklungspsychologie und Traumaforschung. „Das kindliche Gehirn ist
bemerkenswert anpassungsfähig“, erklärt er, „aber es ist auch empfindlich gegenüber belastenden
Erlebnissen. Traumata, insbesondere in den frühen Entwicklungsjahren, können tiefe Spuren
hinterlassen, die sich auf das Lernen, die emotionalen Fähigkeiten und die soziale Interaktion
auswirken.“

Er spricht über die Dysregulation des Nervensystems, ein häufiges Symptom bei traumatisierten
Kindern, und zeigt praktische Techniken, die Fachkräften helfen können, diese Kinder zu
stabilisieren. Dabei verwendet er eine von ihm selbst entwickelte visuelle Karte. Diese Karte, eine
Art Werkzeug für den Umgang mit Krisensituationen, dient als Leitfaden, um die Bedürfnisse eines
Kindes schnell zu identifizieren und entsprechend zu handeln. „Es ist entscheidend, dass wir den
Kindern nicht nur Sicherheit geben, sondern auch das Gefühl, verstanden und akzeptiert zu
werden“, betont er.
Die Teilnehmenden im Raum sind hochengagiert. Sie stellen konkrete Fragen: Wie reagiere ich,
wenn ein Kind plötzlich aggressiv wird? Welche Rolle spielen Rituale im Alltag traumatisierter
Kinder? Michael antwortet präzise und praxisnah, verweist dabei immer wieder auf die Wichtigkeit
von Geduld und Kontinuität. „Es gibt keine schnellen Lösungen“, erklärt er, „aber kleine, stetige
Schritte können die Lebensrealität eines Kindes entscheidend verändern.“
Während ich die Schulung verfolge, wird mir bewusst, dass dieses Training nicht nur Fachwissen
vermittelt, sondern auch eine tiefere Sensibilität für die seelischen Wunden der Kinder schafft.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Traumaverarbeitung und Autismus werden hier mit menschlicher
Empathie verbunden – eine Kombination, die das Potenzial hat, echte Veränderung zu bewirken.
„Das Wissen, das wir hier teilen, kann viel verändern“, sagt Michael am Ende der Sitzung.
Armut, die manchmal unsichtbar bleibt
Tags darauf begleiten wir Jenny Rasche in weitere Roma-Siedlungen, als ihr Telefon klingelte – ein
psychiatrischer Notfall. Schnell fuhren wir in die kleine Siedlung, die nahe Sibiu liegt. Michael
Dohmen, Notfallseelsorger und Sonderpädagoge, begleitete uns und konnte die Situation
entschärfen, wenn auch nicht endgültig lösen. Ohne in die Details zu gehen, war klar, dass viele
Schritte notwendig sein würden, um nachhaltige Hilfe zu leisten. Einer jungen Mutter, die sich in
einer tiefen Krise befand, mussten Mut und Halt zugesprochen werden. Gleichzeitig brauchte sie
dringend eine Perspektive – eine schier unlösbare Aufgabe, wenn Armut der Alltag ist.
Die Enge, die Dunkelheit und der ständige Mangel in der Siedlung waren greifbar, doch an diesem
Tag rückte eine andere Art von Bedürftigkeit in den Vordergrund: die seelische Not, die aus einer
existenziellen Ausweglosigkeit erwächst. Hier war Armut nicht nur materiell, sondern auch ein
Zustand der Isolation und Hoffnungslosigkeit. Die junge Mutter, die wir trafen, trug die Last nicht
nur für sich selbst, sondern auch für ihre Kinder, die in einem Kreislauf aus Entbehrungen
aufwuchsen.

Jenny erzählte uns später, wie oft sie Familien in ähnlichen Situationen begegnet. „Die materielle
Armut ist das Erste, was man sieht – die kaputten Dächer, die fehlende Heizungen oder sanitären
Einrichtungen. Aber die “seelische Armut“, die sieht man oft erst, wenn man länger bleibt. Sie sitzt
in den Augen der Eltern, die keine Hoffnung mehr haben, oder in den Tränen von Müttern, die nicht
wissen, wie sie ihre Kinder schützen sollen.“
In solchen Momenten spürt man die Ohnmacht. Keine schnelle Maßnahme, kein gut gemeinter
Ratschlag kann die tiefen Wunden heilen, die die Armut gerissen hat. Es braucht langfristige,
strukturierte Hilfe, die mehr ist als ein Tropfen auf den heißen Stein. Doch wie bringt man
langfristige Veränderung in eine Gemeinschaft, die seit Generationen von der Gesellschaft
ausgeschlossen wird?
Während wir durch die Siedlung gingen, fiel mir auf, wie still es war. Kein Lachen, kein Spiel der
Kinder – nur das Knirschen unserer Schritte auf dem sandigen Boden. Die wenigen Menschen, die
wir trafen, schienen unsicher, ob sie uns trauen konnten. Ich dachte daran, wie Jenny uns erzählt
hatte, dass viele der Menschen hier das Gefühl haben, von der Außenwelt vergessen worden zu sein.
Und in gewisser Weise sind sie das auch. Die Isolation ist nicht nur geografisch, sondern auch
sozial. Schulen, Arbeitsplätze und Gesundheitsversorgung sind oft unerreichbar weit entfernt –
nicht nur physisch, sondern auch mental.
Michael sprach später darüber, wie Armut auch die Psyche beeinflusst. „Es ist ein ständiger Kampf,
der die Menschen auslaugt. Sie verlieren nicht nur ihre materielle Basis, sondern oft auch den
Glauben an sich selbst und an eine bessere Zukunft. Für viele wird die Hoffnungslosigkeit zur
Normalität, und das ist vielleicht die schlimmste Form der Armut.“
Und doch gab es auch hier Momente des Lichts. Als wir die kleine Hütte verlassen wollten, sah ich,
wie Jenny Rasche die junge Mutter herzlich umarmte. Es war keine flüchtige Geste, sondern ein
Moment voller Wärme und Nähe. Die Mutter, von Sorgen und Kummer gezeichnet, lehnte sich für
einen Augenblick in Jennys Halt. Leise, fast flüsternd, hörte ich die Worte: „Danke, Mama Jenny.“
Diese Worte waren mehr als ein Dank. Sie sprachen von einer Beziehung, die weit über das
hinausgeht, was man von einer Hilfsorganisation erwarten würde. Für die Mutter war Jenny nicht
nur eine Unterstützerin, sondern eine Art Schutzengel, eine Konstante in einer Welt voller
Unsicherheiten. Es war ein Moment, der zeigte, wie viel menschliche Nähe und Empathie inmitten
all der Not bedeuten können – oft mehr als materielle Hilfe allein. Jennys Rolle hier ist nicht nur die
einer Helferin, sondern auch die einer Bezugsperson, die Vertrauen und Hoffnung schenkt, wo
beides längst verloren schien. Es ist diese Nähe, die ihre Arbeit so besonders macht.
Harte Realität
Die kleine Hütte, in der die Roma-Familie wohnt, misst kaum zehn Quadratmeter. Es gibt keinen
Wasseranschluss, keine sanitären Einrichtungen, und ein selbstgebauter Holzofen heizt die kleine
Behausung. Die Luft ist stickig. Die Kinder sitzen auf einer alten, abgenutzten Couch zusammen
und schauen mich mit großen Augen neugierig an. Ich schieße Fotos von den Kleinen, rufe die
Bilder auf meiner Kamera auf und zeige sie ihnen. Ein Lächeln huscht kurz über ihre verschmutzten
Gesichter. Der Moment ist kurz, fast flüchtig. Ich verlasse die kleine Unterkunft und gehe nach
draußen, rauche eine Zigarette – brauche eine kurze Pause, um das Gesehene zu verarbeiten. Doch
dann kehre ich zurück, wiederhole das Ganze, möchte eigentlich nur, dass die Kinder wieder
lächeln. Aber ich weiß, dass ich nicht mehr tun kann.
„Wir sprechen oft von relativer gefühlter und absoluter Armut in Deutschland“, sagt Jenny. „Aber
hier geht es um absolute Armut. Hier bedeutet Armut, dass ein Kind keine Schuhe hat, keine
Kleidung, kein Schulmaterial. Dass es nicht zur Schule gehen kann, weil es stattdessen arbeiten
muss, um die Familie zu unterstützen.“
Absolute Armut unterscheidet sich grundlegend von relativer oder gefühlter Armut, die oft im
Vergleich zur gesellschaftlichen Norm definiert wird. Hier jedoch geht es nicht um soziale
Ungleichheit, sondern um das bloße Überleben – um die Frage, ob ein Kind essen, sich wärmen
oder gesund bleiben kann.
Jenny erzählt mir von einem Fall, der mir das Ausmaß dieses Elends deutlicher macht als jede
Statistik: „Vor einiger Zeit hatte ich die Situation, dass ein frühgeborener Junge eine eingeschränkte
Lungenfunktion hatte. Die Eltern wussten, dass in ihrer Behausung ein Überleben für ihr Sohn nicht
gegeben war. Die Eltern riefen im Krankenhaus an und baten, dass ihr Sohn nicht entlassen wird, da
ihr Sohn bei einem qualmenden Ofen nicht überleben könne. Das Krankenhauspersonal antwortete,
dass dies nicht möglich sei. Das Kind wurde mit einem Notarztwagen zur Familie gefahren und die
Sanitäter sagten, dass das Kind behindert und zu früh geboren sei und nun halt so lange lebe, wie es
eben lebe. Das Kind überlebte 14 Tage in der Familie und erstickte dann jämmerlich. Gestorben,
nur weil die Familie für einen Ofen mit einem vernünftigen Blech, bei dem das Kind hätte atmen
können, zu arm war. Das ist absolute Armut.“
Am Abend vor unserer Abreise schlendere ich durch die Altstadt von Sibiu. Der Große Ring, der
Piața Mare, liegt still im Licht der Laternen. Ein riesiger Weihnachtsbaum wurde bereits aufgestellt,
umgeben von den Gerüsten und Buden des entstehenden Weihnachtsmarktes. Bald wird hier eine
glitzernde Welt voller Lichter und Fülle entstehen. Eisbahnen, ein Panorama-Riesenrad und
dampfende Speisen werden die Besucher in eine festliche Stimmung tauchen.
Doch jetzt, in dieser leisen Phase des Aufbaus, ist es der Kontrast, der mich innehalten lässt. In
Gedanken sehe ich die Siedlungen, die wir besucht haben. Die kleinen Hütten ohne Licht, die
Dunkelheit, die Armut. Die Kinder, deren Gesichter sich über ein Foto auf meiner Kamera gefreut
haben, die aber keine Möglichkeit haben werden, hier Schlittschuh zu laufen oder das Glitzern des
Riesenrads zu bestaunen. Ich denke an die junge Mutter, die um Halt und Hoffnung kämpft. Die
Kluft zwischen diesen Welten ist größer, als Worte es beschreiben könnten.
Das Glitzern des Weihnachtsmarkts verliert in diesem Moment seinen Glanz. Stattdessen bleibt die
Frage: Wie kann man in einer Stadt, in einem Land, in einer Welt leben, in der solche Extreme so
nah beieinander existieren – ohne sich zu verlieren? Vielleicht beginnt Veränderung genau hier:
Indem wir hinsehen und uns erinnern, dass kein Glanz je die Dunkelheit vergessen darf.
Fotos / Bericht:
Ron Weimann
